Was ist eigentlich

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Was ist eigentlich
Was ist eigentlich...
kurz erklärt durch den Technischen Regierungsoberamtsrat Helmut Geuer
... Unified Messaging und Unified Communication? ...
oder kann eine Wollmilchsau auch Eier legen?
Nachdem der Schritt vom spezialisierten, analogen Fernmeldenetz hin zu Dienste integrierenden Netzen vollzogen ist, fragt man sich gelegentlich,
ob eine derartige Vereinheitlichung nicht auch in anderen Kommunikationsschichten möglich ist.
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die Computertechnik Wolle und Milch von anderen Tieren als einem weiblichen Schwein erntete?
Wie oft kam es damals vor, dass man das Rechenergebnis eines Kalkulationsprogrammes mittels Papier und Bleistift händisch zwischenspeicherte,
um es dann z. B. in ein Textverarbeitungsprogramm zu übertragen. Wollte man diesen Text dann auch noch per Datenübertragung in die Welt
hinaus entlassen, war womöglich der Weg zu einem anderen Computer-Arbeitsplatz nötig, der seinerseits keinerlei Eingabemöglichkeit für die
mühsam bespeicherte Acht-Zoll-Floppy-Disk besaß, die durch den kurzen zwischenmenschlichen Kontakt mit der Vorzimmersekretärin des Chefs
nun ohnehin zerknüllt war und somit sowieso in kein Laufwerk mehr gepasst hätte; weder in das zur Verfügung stehende 1" Bandlaufwerk noch in
das seinerzeit hochmoderne 5" Diskettenlaufwerk.
Resultat: Verwünschung der Technik, der Sekretärin, der falsch eingestellten Höhe des fremden Bürostuhls und erneutes Tippen des Textes nachdem die drei vor einem selbst schon angestandenen Mitnutzer des Terminals dieses verlassen hatten. Die Zeit, um die Bedienmaske, die durch den
Bedienungsfehler des zweiten Kollegen der Warteschlange zerstört worden war mit der als Eingabe-/Ausgabe-Medium verwendeten KugelkopfSchreibmaschine wieder aufzubauen, ist in diesem Beispiel gar nicht berücksichtigt.
Man war also der deutlich erkennbaren Trennung zwischen Wolle, Milch, Mutterschwein und Eiern zum Opfer gefallen.
Inzwischen ist nicht nur die Sekretärin älter und weiser geworden, sondern es haben sich auch die Benutzeroberflächen der Kommunikationsanwendungen erheblich gemausert. Es wurden unzählige Schnittstellen zum Datenaustausch auf allen - vor allem auf höheren - ISO/OSI
Schichten entwickelt. Die Interaktion von Anwendungen ist spätestens seit dem Siegeszug der Windows-Oberfläche alltäglicher Komfort geworden.
Ein modisch neuer Meilenstein um der computerisierten Wollmilchsau das Eierlegen beizubringen ist mit dem „Unified Messaging" (UMS), also
dem vereinheitlichten Nachrichtendienst, hinzugekommen. Es geht einfach darum, möglichst viele Kommunikationsdienste unter einer einheitlichen Bedienoberfläche und mit möglichst wenigen Endgeräten ablaufen zu lassen. Als Schlagwort sei hier ein „universelles Multimedia-Terminal"
genannt - welches es momentan allerdings nicht zu kaufen gibt und vollendet nur als Utopie in den Köpfen der Systemarchitekten vorkommt.
Es gibt inzwischen mehrere Unternehmen, die Unified Messaging anbieten. Meist sieht der Leistungsumfang wie folgt aus:
Unter einer einheitlichen Benutzeroberfläche werden alle gängigen Informationsformate wie Fax, Voice-Mail, E-Mail, SMS1 zusammengefasst.
Ein im allgemeinen auf Software-Ebene installierter Server übernimmt den Versand, die Annahme, die Weiterleitung und die Archivierung der
Nachrichten. Interessant ist dabei auch die Umwandlung unterschiedlicher Formate damit das Benutzen voneinander abweichender Kommunikationswege und Endgeräte möglich wird.
Zur Erklärung soll folgendes Beispiel dienen:
Die Firma X erhält ein an den Chef adressiertes Fax. Ärgerlicherweise befindet sich der Firmenchef gerade auf einer repräsentativen Kreuzfahrt
mit Geschäftspartnern in der Karibik und ist nur über Satellitentelefon erreichbar. Damit den Firmenchef der Inhalt des Fax trotzdem erreichen
kann, läuft nun folgender Vorgang ab:
Es erfolgt durch das UMS die Annahme des Fax als elektronische Datei im üblichen Format, wie es auch von jedem handelsüblichen Faxgerät
empfangen werden könnte. Im nächsten Verarbeitungsschritt erfolgt die Decodierung der Datei und deren Übergabe an ein OCR2-Programm. Die
auf diese Weise erstellte Textdatei wird ihrerseits einem TTS3-Programm übergeben, das den Fax-Inhalt gewissermaßen vorliest. Der so vorgelesene Text gelangt nun über die aktivierte Weiterleitungsfunktion des UMS an das Satellitentelefon des Firmenchefs oder - falls dieser gerade nicht
gestört werden will - in die eingerichtete „Voice-Box", auf die zu beliebiger Zeit durch den Anschlussinhaber zugegriffen werden kann. Eine
solche Voice-Box kann sowohl vom Betreiber des Netzes als Sonderleistung oder aber durch den Unified Messaging Service selbst eingerichtet
werden. Natürlich ist beinahe jede beliebige andere Art der Formatumwandlung neben dem genannten Beispiel möglich. Eine weitere interessante
Anwendungsmöglichkeit ist die telefonische Fernabfrage eines Telefax, ohne diese zu sehen. Auch lassen sich Notrufe wie Stör- und Unfallmeldungen (z.B. medizinische Überwachung der Körperfunktionen; Behindertennotruf) mittels vorgefertigter SMS automatisch an ein Mobiltelefon
eines Service- oder Notdienstes absenden.
Ein militärisch nutzbarer und interessanter Anwendungsfall wäre die über UMS durchgeführte Optimierung bzw. effiziente Nutzung schmalbandiger Übertragungskanäle, wie diese im HF- und VHF-Funk die Regel sind. EIne ressourcen-raubende Sprachübertragung aus dem verhältnismäßig
breitbandigen FmSYsBw, z.B. eines Befehls, könnte in ein unkritisches Textformat umgewandelt werden und in schriftlicher Form einem Teilnehmer in einem schmalbandigen Funksystem zugänglich gemacht werden.
Ein weiterer Vorteil des UMS wäre eine arbeitsplatzgebundene Erreichbarkeit eines Endteilnehmers. Ein militärischer Führer kann sich dabei in
besonderen Fällen unabhängig vom Gefechtsstand bewegen. Für dringende Vorgänge bleibt er nicht hur erreichbar, sondern hat auch aus der Ferne
über unterschiedliche Ei-/Ausgabemedien die Möglichkeit mit den gewohnten Mitteln zu führen.
Leider gibt es derzeit noch keine systematischen Überlegungen zur Nutzung dieser Möglichkeiten im militärischen Alltag.
Der Begriff Unified Messaging ist aber keineswegs einheitlich definiert. Im Laufe der Entwicklung immer leistungsfähiger Rechner und Kommunikationssysteme wird auch das Unified Messaging immer umfangreicher werden.
Wenn im Bereich der militärisch genutzten Datenverarbeitung die Forderung nach einer „medienbruchfreien Übertragung“ erhoben wird, dann ist
Unified Messaging eine Möglichkeit, diese zu erfüllen.
UMS ist aber auch auf dem Wege, sich zu einem UC, einemUnified Communication, zu mausern. UC umfasst gewissermaßen als Erweiterung
zusätzliche Dienste, die bis hin zum Eingriff in organisatorische Abläufe reichen können wie z.B. Systemsteuerung und Fernwartung von Kommunikationsnetzen.
Übertragen auf den militärischen Sprachgebrauch stellt UMS und UC eine Art Einsatzführungssystem dar. Es dient dazu, sämtliche zur Erfüllung
einer gestellten Aufgabe notwendigen Informationen „menschengerecht“ bereitzustellen und Reaktionen anzunehmen. Alle wichtigen Informationen sollen durch die dem Menschen zur Verfügung stehenden Sinne, so bequem wie möglich erfasst und verarbeitet werden.
TROAR Geuer ist Angehöriger des Dez 3/GrpWEntwg FmTr/FüDst/TrFmVbdgDst der FmS/FSHEIT
1
SMS = Short Message Service; Mehrwertdienst in zahlreichen Kommunikationsnetzen, mit dem kurze Texte übertragen und abgespeichert werden
können.
2
OCR = Optical Character Recognition; optisch-elektronische Texterkennung. Hierbei wird eine grafische Vorlage elektronisch auf das Vorhandensein von
Schriftzeichen untersucht. Entdeckte Schriftzeichen werden ggf. in einen Wort- und Sinnzusammenhang gestellt, geprüft und als Textdatei abgespeichert.
Nach dieser Umwandlung der Grafik (z.B. Fax) in eine Textdatei ist diese mit normalen Schreibprogrammen weiter bearbeitbar.
3
TTS = Text-To-Speech; elektronische Umwandlung eines geschriebenen Textes in gesprochene Sprache.

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