Jeanne Mammen 1890-1976

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Jeanne Mammen 1890-1976
JEANNE MAMMEN
1890–1976
EIN LEBENSBERICHT
ZUSAMMENGESTELLT VON GEORG REINHARDT
Zeichnung von Jeanne Mammen
Georg Reinhardt*
Jeanne Mammen 1890-1976
Eine biographische Bild-TextDokumentation
»Das ist mein Lebenslauf, er fing mal an und
hörte noch nicht auf.« (Jeanne Mammen)1
J. M., Haus der Großeltern in Neuharlingersiel, 1912
Bleistift und Wasserfarben, 16 x 12 cm
(aus: Skizzenbuch 1, 1912, Blatt 6 recto) Jeanne-MammenGesellschaft, Berlin
1
Jeanne Mammen im Rosen-Almanach, Berlin 1947; ferner
in: Ausstellungskatalog Neuer Berliner Kunstverein, Berlin,
Dezember 1970 – Januar 1971; zitiert auch bei Hans Kinkel,
Mutter Courage malt – »Puppen angemalt, Schmetterlinge
ausgeschnitten, Holzschuhe genagelt«: Besuch bei der fünfundachtzigjährigen Jeanne Mammen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. November 1975, S. 21; desgleichen bei
Lothar Klünner, Jeannes letzte Bilder, in: Jeanne Mammen
1890–1976, hrsg. v. d. Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin,
in Verbindung mit der Berlinischen Galerie, Berlin 1978 (Bildende Kunst in Berlin, Bd. 5), Stuttgart – Bad Cannstatt, S.
105–113, hier S. 109.
1890
Gertrud Johanna Louise, gen. Jeanne, Mammen
wird am 21. November 1890 als jüngste Tochter
des Kaufmanns Gustav Oskar Mammen und seiner Frau Ernestine Juliane Karoline, geb. del
Haes, in Berlin geboren. Der Vater entstammt einer alten ostfriesischen Familie aus Neuharlingersiel, die Mutter ist Tochter eines aus den Niederlanden in Köln niedergelassenen Apothekers. Die Eltern heirateten 1881 in Paris und
zogen 1886 nach Berlin, wo Gustav Mammen
eine größere Schriftgießerei besaß.
Vor Jeanne waren bereits die Geschwister Louise Ernestine, gen. Loulou (geb. 1881), Oskar
(geb. 1886) und Adeline Maria Louise, gen. Mimi
(geb. 1888) geboren; letztere wird später mit
Jeanne gemeinsam eine Ausbildung als bildende Künstlerin beginnen.
Jeanne wächst in einem wohlhabenden, liberalkosmopolitischen Elternhaus auf und zeigt bereits in ihrer Kindheit eine frühe zeichnerische
81
Begabung: »Schon als kleines Kind habe ich alles beschmiert, was mir in die Hände kam. Immer hatte ich große Papierhaufen vor mir, die ich
vollpinselte. Dann haben wir Dramen entworfen
mit Mord und Totschlag und viel Liebesgeschichten – es war schrecklich schön. Ich habe nie was
anderes gewollt, gewünscht, gemacht – ist so
gradlinig wie eine Rakete. Es war ein großes
Glück, trotz aller Pein das Beste, was mir passieren konnte.«2 (J. M.)
signiert, nimmt Jeanne Mammen als bald sechzehnjährige höhere Tochter für knapp zwei
Jahre das Studium an der Académie Julian in
Paris auf. An dieser damals weltbekannten, von
Rodolphe Julian (1840–1907) 1868 gegründeten
privaten Kunstschule, an der u. a. Robert-Fleury,
Boulanger und Bouguerau unterrichteten, besucht sie das sogenannte Damenatelier. In dieser separaten Frauenklasse nahmen neben vielen anderen Künstlerinnen auch Maria Bashkirtseff, Käthe Kollwitz (1904 in der Bildhauerklasse) und Paula Modersohn-Becker (1905 Aktmalerei und Zeichenklasse) Unterricht.
Während dieser Pariser Studienjahre hat
Jeanne Mammen, wie sie später im hohen Alter
auf den Beginn ihrer künstlerischen Ausbildung
rückblickend bekennt, »entsetzlich viel gelernt
… Ich habe andauernd Skizzen … gemacht«
(J. M.) 6 , obwohl die professorale Korrektur ihrer
(nicht bekannten) Lehrer nicht gerade gründlich
gewesen sein muß: »er sagte immer nur nach
Beäugung der Schülerarbeiten zwei Worte, entweder continuez oder recommencez , und war
in einer halben Stunde mit dem ganzen Krempel
fertig (36 Schüler).« (J. M.) 7
1900
Der Vater Gustav Mammen verkauft seine Berliner Fabrik und zieht mit der Familie nach Paris,
wo er eine Glasbläserei übernimmt. Die Familie
Mammen wohnt in einer Villa in der Rue Boulainvilliers in Passy, ein Haus »mit entsetzlich
viel Flieder und entsetzlich viel Tieren: Vögel,
Papageien, Katzen, Hunde, Schildkröten, einen
Affen sogar noch. Mutter war sehr tierlieb«
(J. M.)3. In diesem »schönen alten Pariser Bürgerhaus mit einem idyllisch verwunschenen
Hintergarten« (Roters)4 verbringt Jeanne eine
sorglose Kindheit und Jugend und besucht bis
1906/07 das Lycée Molière.
Um 1903
Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr beschäftigt
sich Jeanne intensiv mit zeitgenössischer Literatur. Sie war nach ihrem eigenen Bekunden ein
»verrückter Leser. Ganze Nächte saß ich mit der
Petroleumlampe über französischer Literatur.
Ich hab mich auf Flaubert und Zola gestürzt, auch
viel Daudet zu meinem Vergnügen gelesen«,
wobei am nachhaltigsten die Lektüre von Flauberts »Versuchung des heiligen Antonius« blieb,
von der sie sich »hingerissen und berauscht«
fühlte und noch viele Jahre später »Seiten um
Seiten auswendig« kannte (J. M.)5.
1906/07
Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Maria
Louise, die später ihre Bilder mit »M. L. Mammen« und ihre Illustrationen mit »M. L. Folcardy«
82
2
Jeanne Mammen, zitiert nach: Hans Kinkel, Begegnung
mit Jeanne Mammen, in: Jeanne-Mammen-Gesellschaft,
Berlin 1978, S. 93–100, hier S. 93.
3
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 93.
4
Eberhard Roters, Jeanne Mammen – Leben und Werk, in:
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin 1978, S. 9–91, hier S.
18.
5
Jeanne Mammen, zitiert nach Kinkel 1978, S. 93.
6
Jeanne Mammen, ebda.
Jeanne Mammen in einem Brief an Hans Thiemann vom
18. Mai 1972, hier zitiert nach Eberhard Roters, Jeanne Mammen – HansThiemann, Eine Künstlerfreundschaft in Briefen,
in: Katalog »Jeanne Mammen – Hans Thiemann«, Staatliche
Kunsthalle, Berlin 1979, S. 20–40, hier S. 33.
8
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 93/94.
7
1908/10
Wechselt wie auch ihre Schwester Maria Louise
zum Studium an die Académie Royale des
Beaux-Arts nach Brüssel, wo sie Malerei und
Zeichnen belegt. »Da hatten wir Anatomie und
Mythologie und Architektur und Ästhetik und Literatur. Wir mußten furchtbar arbeiten: von acht
Uhr früh bis zehn Uhr abends. Das sollen sich
mal die faulen Onkels hier auf der Kunstschule
[d. i. die Hochschule der Künste in Berlin, d.
Verf.] zu Herzen nehmen. Die Akademie war ein
altes Kloster mit riesigen Räumen und dicken
Bulleröfen für den Winter. Man war den ganzen
Tag auf den Beinen: morgens malen, abends
zeichnen, nachmittags malen, dazu die ganzen
Kurse. Es gab eine herrliche Bibliothek: da waren wir eifrige Gäste. Ich war die jüngste in der
Klasse.« (J. M.)8 Und: hier »holte ich mir meine
83
Medaille pour composition in einem der schönsten Häuser an der Grande Place und außerdem
noch 150 Francs, zum größten Bedauern meiner
Kollegen, da es damals nicht üblich war, daß
eine kleine Demoiselle von 18 Jahren eine Lage
schmiß.
Im Museum hingen viele Bilder von Ensor, das
Portrait seines Vaters, das seiner Mutter, der
Knabe Lampenputzer und die herrliche Roche
(Fisch), die aussah wie ein weißer dreieckiger
Clown, und das kleine Mädchen in schwarz.
Dann die schönen Breughels und die Goyas. Ich
weiß sie noch alle auswendig, habe sie so oft
und oft angesehen. Richard Strauss dirigierte
persönlich seine Salome und Elektra, Chaliapin
sang den Mephisto von Boito. Wir saßen im Paradies für 0,50 centimes, mindestens 3 x pro
Woche.« (J. M.)9
In der Malklasse der Scuola Libera Academica, Villa Medici,
Rom.
Fotografie 1911
(rechts vor der Staffelei Jeanne Mammen)
1911
Geht zusammen mit ihrer Schwester Maria Louise nach Rom, wo beide das Studium an der
Scuola Libera Academica, Villa Medici, aufnehmen.
Werke aus den Studienjahren in Paris, Brüssel
und Rom haben sich nicht erhalten.
1912
Rückkehr nach Paris, wo sie mit ihrer Schwester
Maria Louise ein gemeinsames Atelier bezieht
und dort auch ihre erste Ausstellung mit eigenen
Arbeiten veranstaltet (zusammen mit Arbeiten
der Schwester).
Jeanne Mammen beteiligt sich 1912 an der Ausstellung im »Salon des Indépendants« in Paris,
bis 1913 Teilnahme an den Ausstellungen der
»Indépendants« in Brüssel.
1912/14
Erste Skizzenbuchblätter (in Bleistift und Aquarell) mit Motiven aus Paris, Brüssel, La Panne,
Scheveningen und Berlin. (Ein Faksimile eines
dieser Skizzenbücher von 1914 mit Reproduktionen von 60 Blättern mit Brüsseler Motiven wur-
84
J. M., »Sängerin«, 1912
Tusche und Aquarell, 28 x 22 cm
Die Schwester Maria Louise Mammen im gemeinsamen Atelier in Paris.
Fotografie 1912
(auf dem Gesims über dem Eisenofen sind fünf Skizzenblätter von Jeanne Mammen zu sehen, darunter als zweites von
links die »Sängerin«)
9
Jeanne Mammen in einem Brief an Hans Thiemann vom
24. April 1972, hier zitiert nach: Max Delbrück, Jeanne Mammen – Briefe, in: Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin 1978,
S.121–148, hier S. 145.
den 1979/80 in einer Auflage von 300 Exemplaren von der Jeanne-Mammen-Gesellschaft e. V.,
Berlin, herausgegeben.)
Die Arbeiten dieser frühesten künstlerischen
Phase sind in Mischtechnik (Gouache, Aquarell,
Tuschfeder) ausgeführt und zeigen einen erzählerisch-illustrativen Charakter mit figürlichem
Schwerpunkt. Die Motive entstammen der großstädtischen Umwelt: es sind Szenen vom bunten
Leben auf den Boulevards, in Cafés, auf dem
Rennplatz, Menschen auf dem Weg zur Arbeit,
auf den Märkten. Dargestellt sind stehende und
gehende Personen, zumeist Einzelfiguren,
kaum Gruppen; sie sind nicht als individuelle
Porträts wiedergegeben, sondern erscheinen
als Typen. Herausgearbeitet werden Gestalt und
Ausdrucksformen, Physiognomien, Gesten und
Gebärden. Den Frauen-Motiven eignet manchmal eine karikaturistische Überhöhung, ebenso
wird nicht das Wesen der Frau, sondern ihre gesellschaftliche Erscheinung festgehalten. Diese
Skizzenblätter folgen einem morbiden Symbolismus; sie haben ihre literarischen Anreger bei
Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Huysmans und
Flaubert und folgen bildkünstlerischen Vorbildern des französischen, belgischen und englischen Symbolismus (Moreau, Khnopff, Beardsley, Toorop). Zugleich findet Jeanne Mammen
hier zu einem Figurenfundus, wie er in den späteren Arbeiten der zwanziger Jahre in der Einzelfigur und Figurengruppe in realistischerer
Ausprägung weiter entwickelt wird.
1913/16
Erste Radierungen und Buchillustrationen entstehen. Bei diesen handelt es sich um figürlich
überladene, farbig sehr dekorative und lineargraphisch betonte freie Illustrationen nach symbolistischen Dichtungen des Fin de siècle, darunter zu Gustave Flauberts »Die Versuchung
des heiligen Antonius« (1874) und zu E.T.A. Hoffmanns »Der Goldene Topf« und »Die Elixiere des
Teufels« (1815/16). Im Stil des franco-belgischen
und englischen Symbolismus gehalten, sind es
85
Blätter »jugendlicher Traumwelten« und »der eigenen Innenschau« (Lütgens)10.
1914
Unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Flucht der Familie Mammen am 4. August
1914 (als Deutsche) aus Paris nach Brüssel, am
8. August »mit dem letzten Zug nach Holland«
(J. M.)11, wo diese zuerst in Scheveningen, dann
in Den Haag unterkommt (bis 1915).
1915/16
Nach einem halben Jahr Aufenthalt in Holland
im Frühjahr 1915 Reise nach Berlin, wo sie bis zu
ihrem Tode bleiben wird. »Dort, entwurzelt, ohne
Bekannte oder Verwandte, ohne Geld (das
ganze Hab u. Gut wurde in Frankreich beschlagnahmt und später als Kriegsentschädigung versteigert), spärliche Verdienste durch Fotoretusche, Modezeichnungen, Kinoplakate, Schustern etc.« (J. M.)12
Die materielle Mittellosigkeit infolge des Verlustes des väterlichen Vermögens stellt die junge
Künstlerin in eine ungewohnte Situation, die
noch durch die Fremdheit der abweisenden Berliner Verhältnisse zu einer destruktiven Einstellung führte und zunächst wohl auch wenig stimulierend auf die künstlerische Arbeit gewirkt hat.
Jeanne Mammen bietet ihre Arbeiten fast vergeblich diversen Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen an und überlebt die für sie äußerst
entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre in Berlin nur dadurch, weil sie »alles, alles,
alles gemacht [hat]: Puppen angemalt, Schmetterlinge ausgeschnitten, Holzschuhe genagelt,
alles, nur um Geld zu verdienen.« (J. M.)13
»Ich kannte keinen Menschen, ich habe geheult
wie ein Schloßhund, so scheußlich fand ich es in
Deutschland. Ich sprach doch nur französisch
und hatte Schwierigkeiten, mich auszudrücken.
So fiel mir plötzlich nicht ein, wie Kartoffeln hießen. Mit Berlin habe ich mich niemals versöhnt:
ich finde es noch heute scheußlich. Wenn ich auf
den Kudamm gehe, muß ich kotzen. Die ganze
Art der Leute ist mir fremd.« (J. M.)14
86
J. M., Der goldene Topf, um 1915
Feder und schwarze Tusche, 26 x 23,5 cm
(Illustration zu E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Novelle)
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
J. M., »Negerin«, 1912/14
Bleistift und Wasserfarben, 17 x 11 cm
(aus: Skizzenbuch 2, 1912/14)
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
10
Annelie Lütgens, Jeanne Mammen (1890–1976), Eine
Künstlerin in ihrer Zeit, Phil. Diss. Hamburg 1990, (Ms.), S.
54.
11
Jeanne Mammen, Äußerlicher Kurzbericht [verfaßt 1974],
unveröffentlichtes Manuskript im Nachlaß der Künstlerin
(Jeanne-Mammen-Gesellschaft e.V., Berlin).
12
Mammen, 1974.
13
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1975, S. 21.
14
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 94.
15
Fritz Hellwag, M. L. Folcardy und J. Mammen, in: Kunstgewerbeblatt, N. F., 27. Jg., 1915/16, H. 10, Juli 1916, S. 181–191,
hier S. 181.
Das »Kunstgewerbeblatt« veröffentlicht im Juli
1916 erstmals vier Illustrationen von Jeanne
Mammen (darunter auf S.187 unsere Abb. 8) und
acht Blätter von M. J. Folcardy, denen Fritz Hellwag, Autor und Redakteur dieser Zeitschrift, hohes künstlerisches Niveau zuspricht:
»Zwei Schwestern, deren eine den Künstlernamen Folcardy angenommen hat, während die
andere ihre Werke mit ihrem richtigen Namen
Mammen zeichnet, veröffentlichen heute zum
erstenmal, sind also nicht nur unseren Lesern,
sondern allgemein noch unbekannt. Um so mehr
wird die Reife der jungen Künstlerinnen überraschen. Zwei ganz verschiedene Temperamente
sprechen sich in den hier abgebildeten Arbeiten,
bei deren Wiedergabe leider die Farbe fehlen
muß, aus.
Fräulein Folcardy besitzt eine besondere dekorative Begabung und wählt danach ihre Motive,
die sie der Sage und der Literatur entnimmt.
Fräulein Mammen ist romantischer veranlagt
und neigt mehr zur malerischen Ausdrucksweise. Beide sind für die Illustrierung guter Bücher sehr befähigt und es wäre zu wünschen,
daß die führenden Verleger auf sie aufmerksam
würden (…).
Wie man würdig, dem gewählten Geisteserzeugnis dankbar und angemessen illustrieren
soll, zeigen z. B. die auf den Seiten 182, 183 [M. L.
Folcardy, d. Verf.] und 187 vorgeführten Bilder
zu E.T.A. Hoffmann, Elixiere des Teufels und
zum Goldenen Topf , entweder geistreich nacherzählend oder mit gesteigertem Ausdruck den
Stimmungsgehalt des zur Darstellung gewählten Geschehnisses ausschöpfend. Das vollbringt nur eine reine und gläubige Genußfähigkeit, niemals aber das glatte, akademische Virtuosentum unserer so beliebt gewordenen
Berufs-Illustratoren .«15
1917
Im Verlag Dr. Eysler & Co., Berlin (Verlag der
»Lustigen Blätter«), erscheint in der Reihe »Lustige Bücherei« in erster Auflage (3. Auflage,
87
immer wieder Bildnisse der Schwester Maria
Luise (M. L. Folcardy) – diese ist bis in die dreißiger Jahre hinein die am meisten porträtierte
Person im Werk Jeanne Mammens – und Figurenszenen umfassen. Diese Genreszenen sind
durch eine härtere Linienführung gekennzeichnet und bezeugen in ihrer Motivik eine deutliche
Hinwendung zur sozialen Wirklichkeit.
11.–15. Ts., 1918) der Band »Paul Schüler, Das
Gift im Weibe. Sieben Novellen«, für den Jeanne
Mammen 12 farbige Illustrationen gestaltet (das
Umschlagmotiv steuert ihre Schwester M. L. Folcardy bei).
1919
Im September 1919 Einzug in das Atelier des Fotografen Schenker im vierten Stock des Hinterhauses (Jeanne Mammens »Gartenhaus«) von
Kurfürstendamm 29 (der Blick aus den rückwärtigen Fenstern geht auf die Hoffront des berühmten Hotels Kempinski), wo Jeanne Mammen zunächst mit ihrer Schwester Maria Louise (M. L.
Folcardy) wohnt. »Als wir einzogen, gab es nur
Gasbeleuchtung, dabei zwei Stühle, zwei Staffeleien. Wir schliefen auf der Erde, auf Matratzen.
Schließlich kriegte jeder ein Gestell und so weiter und so weiter … Auch viel zu eng: keine Küche, und Klo auf der Treppe … Es hat ja fünfzig
Jahre gedauert, bis es so aussieht wie heute
[1975].« (J. M.)16 In diesem Wohnatelier wird
Jeanne Mammen insgesamt 57 Jahre leben und
arbeiten.
In den in ihrer Berliner Frühzeit seit 1915/16 bis
Anfang der zwanziger Jahre entstandenen wenigen Arbeiten finden weder das Thema Krieg
oder die revolutionären Ereignisse von 1918/19
in Berlin, noch der künstlerische Umbruch vor allem der in Berlin politisch motivierten DADABewegung ihren bildkünstlerischen Niederschlag.
Nichts davon ist als Motiv oder gestalterischer
Reflex in ihrem Werk sichtbar, auch nicht in persönlichen Notizen oder Erinnerungen. Lediglich
die bedrückende materielle Notlage wird angesprochen: »Englische Hungerblockade, Lebensmittel- und Kleiderkarten, worauf es nichts gab.
Kriegsende – Inflation (ein halbes Pfund Butter
eine Billion).« (J. M.)17
Ab 1921 entstehen Kinoplakate für die Ufa.
Bis um 1922 entsteht ein (heute nachweisbares)
sehr schmales Werk, Bleistiftskizzen und Aquarellblätter vor allem, die Einzelfiguren, darunter
88
Familientag Mammen, Neuharlingersiel 3. August 1921.
Fotografie 1921
(mittlere Reihe ganz rechts Jeanne Mammen, links daneben
die Schwester Maria Louise)
J. M., »Die Puppe«, 1917
(Illustration aus: Paul Schüler, Das Gift im Weib. Sieben Novellen, Berlin 1917, S. 59)
Kinoplakat »Martyrium. Drama in 5 Akten von Frz. Rauch«
(Gestaltung: Jeanne Mammen), um 1921
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
16
17
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1975, S. 21.
Mammen 1974.
1922/23
Jeanne Mammen erhält ihren ersten Illustrationsauftrag zur farbigen Gestaltung des Titels von Heft 6 der Zeitschrift »Die Dame«, das im
Dezember 1922 (49. Jahrgang) mit dem weihnachtlichen Motiv einer Kinderbescherung erscheint. Es schließen sich weitere Illustrationsaufträge, Modezeichnungen sowie Aquarelle
und Zeichnungen für Unterhaltungsblätter an
(bis 1934).
1924–1933/34
Realistische Periode: Aquarelle und Zeichnungen als Illustrationen für Modezeitschriften und
Reklameblätter (u. a. für die Firmen Johanna
Schwarz, Berlin-W.; Modehaus Völker-Klussmann, Hannover; Modehaus Bacharach, Frankfurt/Main), für bürgerliche Witzblätter und satirische Zeitschriften sowie für Gesellschaftsorgane und Unterhaltungsmagazine, darunter
viele Titel- und Rückseiten. Für folgende Zeitschriften war Jeanne Mammen als freie Illustratorin mit Auftragswerken und freien Arbeiten
tätig (Name der Zeitschrift, Zeitraum ihrer jeweiligen Mitarbeit, Anzahl der nachweisbaren Arbeiten):
Die Dame, 1922–1928, ca. 3
Der Junggeselle, 1924–1926, ca. 52
Der Querschnitt, 1924–1934, unbekannt
Die Deutsche Elite, 1925–1927, ca. 8
Jugend, 1925–1930, 30
Die Schöne Frau, 1926–1927, ca. 8
Uhu, 1927–1929, ca. 7
Ulk, 1927–1931, 43
Simplicissimus, 1927–1933, ca. 81. (J. M. schickte
89
»jede Woche ein Riesenpaket« mit Arbeiten
nach München, »unter die Witze passen mußten«
(J. M.)18, und für die die Redaktion pro farbigem
Blatt 300 Mark zahlte: »Da war ich sehr stolz und
froh. Es hat mir Spaß gemacht – das einzige, was
mir Spaß gemacht hat«. (J. M.)19
Die Woche, 1927
ITZ-Illustrierte Textil-Zeitung, 1927, 1932
Illustrierte Zeitung, 1931
Deutsche Zentral-Zeitung (Moskau), 1932.
Die vor allem freien Arbeiten in Bleistift und
Aquarell zeigen zum einen Motive der großstädtischen Umwelt, besonders Vergnügungen der
kleinen Leute. Es sind »Szenen aus Großstadtund Vorstadtkneipen. Jeanne Mammen lernt die
Menschen aus den Straßen und Fabriken, die Arbeiter und Kleinbürger, jetzt nicht mehr nur auf
Beobachtungsreisen einer geschulten Malerin
kennen(…), sondern sie lernt die Menschen der
Großstadt und ihre Probleme jetzt im direkten
Umgang kennen, der durch ihre eigene soziale
Lage, ihre Geldnot, ihre Arbeitssuche und ihren
zwangsläufigen Verzicht darauf bedingt ist, bei
der Annahme von Lohnarbeit wählerisch zu
sein.« (Roters)20
Zum anderen stellen diese Blätter zwei- und
mehrfigurige Gesellschaftsszenen dar, in deren
Mittelpunkt eine junge kokette, hübsche Frau
steht. »Das zentrale Motiv …, der Gegenstand
ihrer menschlichen und künstlerischen Anteilnahme ist die Frau, genauer: die Frau in ihrem
gesellschaftlichen Verhalten, und die Frau in ihrem Bemühen und Unternehmen, ihre genuin femininen Wünsche damit in Übereinklang zu bringen, wobei diese genuin femininen Eigenheiten
etwas anderes sind, als die Männer hineindeuten, kurz, um es mit einem Wort zu benennen …
die Frau in ihrem Rollenkonflikt.« (Roters)21 »Die
dominierende Figur ist die meist junge Frau, die
femme-enfant , der Jeanne Mammen mit Vorliebe eine – männliche oder weibliche Assistenzperson an die Seite stellt, die durch Alter,
Kleidung, soziale Stellung etc. einen Kontrast
90
darstellt. Gern präsentiert die Künstlerin ihre
Mädchen in Gesellschaft tapsiger, unattraktiver
männlicher Begleiter … als bloße Statisten in
den Szenerien … [wobei sie] aus ihnen im
Grunde bemitleidenswerte, belächelnswerte Figuren macht, deren Funktion offensichtlich darin
besteht, den Glamour und das Raffinement der
Damen noch zu steigern.« (H. Reinhardt)22
Ab 1925 Hinwendung zur lithographischen Technik (Blätter aus dieser Zeit sind nicht mehr erhalten).
Ab 1927 findet Jeanne Mammen durch große
Aufträge zahlreicher Zeitschriften ihre materielle Existenzgrundlage. Mit ihren einfühlsamen und genauen Darstellungen des spezifischen (Berliner) Großstadtlebens, die von der
Kritik gleichrangig neben die sozialkritischen
Werke eines George Grosz, Rudolf Schlichter,
Rudolf Wilke oder Karl Arnold gestellt werden,
wird die Künstlerin als bedeutende Illustratorin
bekannt. Ihre Aquarelle und Zeichnungen der
Jahre 1927 bis 1933 bilden einen ersten Höhepunkt ihres Schaffens.
J. M., Rosa Valetti, 1929
Feder und schwarze Tusche, 22,5 x 16,5 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
18
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 95.
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1975, S. 21.
20
Roters 1978, S. 25.
21
Roters 1978, S. 26.
19
22
Hildegard Reinhardt, Jeanne Mammen (1890–1976). Gesellschaftsszenen und Porträtstudien der zwanziger Jahre,
in: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, Bd. 21,
1982, S. 163–188, hier S. 168.
23
KurtTucholsky, Antwort auf Jeanne Mammen, in: Die Weltbühne, 25. Jg., H. 32, 6. 8. 1929, S. 225.
1929
Kurt Tucholsky, seit 1926 zusammen mit Carl von
Ossietzky Herausgeber der 1905 von Siegfried
Jacobsohn gegründeten Wochenschrift »Die
Weltbühne«, veröffentlicht im August 1929 in seiner »Antwort an Jeanne Mammen« eine emphatische Huldigung ihres Werkes:
»Die zarten, duftigen Aquarelle, die Sie in Magazinen und Witzblättern veröffentlichen, überragen das undisziplinierte Geschmier der meisten
Ihrer Zunftkollegen derart, daß man Ihnen eine
kleine Liebeserklärung schuldig ist. Ihre Figuren
fassen sich sauber an, sie sind anmutig und herb
dabei, und sie springen mit Haut und Haaren aus
dem Papier. In dem Delikatessenladen, den uns
Ihre Brotherren wöchentlich oder monatlich aufsperren, sind sie so ziemlich die einzige Delikatesse.«23
91
Freundschaft mit dem Bildhauer Hans Uhlmann.
Im Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin, erscheint Alfred Richard Meyers »Des Herrn Munkepunke
Cocktail- und Bowlenbuch«, für das Jeanne
Mammen die Umschlagillustrationen gestaltet
(Textillustrationen von Erika Plehn. – Reprint der
11.–16. Auflage von 1929, ergänzt um einen Essay von Herbert Günther, erscheint in der Reihe
»Die bibliophilen Taschenbücher«, Bd. 72, in der
Harenberg Kommunikation, Dortmund 1978).
Jeanne Mammen wendet sich der Bühne, dem
Kabarett und Varieté zu. Anläßlich der Eröffnung
des Berliner Kabaretts »Larifari« entstehen
Zeichnungen der Tänzerinnen Valeska Gert und
Rosa Valetti, die in der Münchner Zeitschrift
»Jugend« veröffentlicht werden.24
1930
Die um 1930 entstehenden Gemälde, von denen
nur wenige erhalten geblieben sind, stehen im
ikonographischen Kontext der gleichzeitigen
Aquarelle und Zeichnungen und bezeugen einen Realismus zwischen kritischem Verismus
und porträthaft-karikierender Menschendarstellung.
Im Oktober–November 1930 zeigt die Galerie
Fritz Gurlitt die erste große öffentliche Einzelausstellung Jeanne Mammens mit 19 Gemälden
sowie zahlreichen Aquarellen, Zeichnungen
und Graphik, zu der ein Katalog mit einem Aufsatz von Hermann Sinsheimer und fünf s/wReproduktionen erscheint. Darin heißt es u.a.:
»Die Mammen ist eine betont männliche Erscheinung unter den Zeichnerinnen und – unter
den Zeichnern. Sie geht ihre Objekte hart an und
reißt sie in ihren sparsamen, eindeutig umgrenzenden Strich hinein. Diese, ihre männliche
Handschrift, ein überzeugendes Schwarz-aufWeiß, löst sich durch die aquarellierten Farben
in einer nun freilich echt weiblichen Buntheit und
Nuancenfreudigkeit. Das Malerische wird zur
Poesie ihrer Blätter, wohingegen, wenn sie
malt, die Oberhand des Zeichnerischen auffällt.
92
J. M., »Barszene«, 1929
(Umschlagillustration [Rückseite] für Alfred Richard Meyers
»Des Herrn Munkepunke Cocktail- und Bowlenbuch«, Verlag
Ernst Rowohlt, Berlin 1929)
24
Eine Variante unserer Abb. S. 90 wurde veröffentlicht in:
Jugend, 34. Jg.,1929, Nr. 7, S. 110.
25
Hermann Sinsheimer, Jeanne Mammen, in: Kat. »Jeanne
Mammen«, Galerie Gurlitt, Berlin 1930, o. S.
Sie zeichnet und malt auf der Grenze der beiden
Kunstübungen.
Immer aber stellt sie den Charakter des lebenden oder toten Inventars, dessen sich ihre Kunst
bemächtigt, in den Vordergrund. Aus dem haarscharf Charakteristischen ihrer Porträtierkunst
ergibt sich, wie von selbst, das Karikaturistische. Ob sie porträtiert oder karikiert, es fließt
aus der gleichen Intuition und Absicht des Erkennens und Durchschauens. Die Objektivität gegenüber dem Vorwurf wird nie verlassen, der
harte, scharfe Umriß der Profile ergibt alles Hintergründige der Erscheinungen ohne schnörkelhaft kommentierende Zutat, ohne Programm
und gewollten Tiefsinn (…).
Die Menschen, die sie zeichnet oder malt, sind
alle Brüder und Schwestern, eine große Familie
mit der unverwechselbaren Ähnlichkeit ihrer
Herkunft aus der einen Hand und Werkstatt.
Diese Menschen sind zugleich komisch und tragisch (…). Das Tragische und Komische fließt in
einer Zwischenwelt zusammen, auf einer gefühlsproblematischen Ebene (…). Ihre Karikatur
mündet darum nie im Witz, nie im Literarischen,
sondern in einer tiefen und zwangvollen Anschauung von Welt und Mensch.
Jeanne Mammen ist eine Menschen-Darstellerin
mit den einfachsten, geradesten und entschlossensten Mitteln ihrer Kunst.«25
Die Ausstellung findet ein lebhaftes Echo in der
Berliner Presse, wobei die bürgerlich-liberale
wie die linke Kritik gleichermaßen den ungeschönt realistischen Zugriff der Motive, die sozialkritische Darstellung vor allem und die hohe
künstlerische Qualität der Malerei und Zeichnungen Jeanne Mammens hervorheben. Hier
einige Pressestimmen:
»… Nun schon mehr als bloßes Können, nun
schon Souveränität alles Technischen, Strichlichen, Formalen, Farblichen bei Jeanne Mammen. Und jene behalten recht, die den Männer=Malern prophezeien, daß im Gebiete der
Kunst – auf dem sich die freie Konkurrenz erhalten hat – gar bald das Gleichgewicht der Bega-
93
bungen von Mann und Frau sich zeigen wird.
(…) Groteske ist vorerst die Note, Verworfenes,
sich selbst Verwerfendes. Etwas verwest und angestochen, vom Wurm des Habenwollens und
Erraffens angenagt sind alle Seelen. Die Frauen
blicken aus geschlitzten Augen seitlich nach
Beute, die Männer sind entweder von ihren Bäuchen aufgefressen oder von Gier zernagt. Da
hängt ein Bild Kaffeehaus : zwei Männerschädel, der eine Totenkopf, der andere Affe. Der bittere Geschmack im Munde verschwindet nie und
irgend etwas grausam Sadistisches ist stets dabei: Rache der Frau? Rache für jahrhundertelange Knebelung des Geistes? (…).
Sieht man die Zeichnungen und Aquarelle, so
wird der Eindruck bestätigt und seltsam vertieft.
Ein scharf schneidendes Messer ist hier am
Werk. Vielleicht schnitzt es auch noch einmal
Dinge, die ins Positive des menschlichen Wesens gerichtet sind.« (Max Deri)26
»Das ist eine Erscheinung für sich. Eine Nummer! Hochbegabt, mit einem Blick von beißender
Schärfe ausgestattet, der die Mitmenschen bis in
ihre Gründe durchforscht und dabei Hohn wie
Mitleid in gleichen Dosen einmischt.
Jeanne Mammens Zeichentalent ist durchaus
ungewöhnlich. Sie umreißt einen Akt, eine
Gruppe, einen Kopf, und wirklich, es ist fast immer ein Treffer. Von einer weiblichen Hand hat
man dergleichen kaum gesehen. (…)
Nimmt sie Farbe zu Hilfe, so bleibt der zeichnerische Untergrund erkennbar. Die Aquarelle, Szenen aus der edlen Sphäre der Bars, Tanz- und
Sektstuben, daneben aus einer Zille benachbarten Kaschemmenwelt, sind gänzlich illustrativ,
aber so amüsant, daß man sie mit großem
Vergnügen durchwandert. Dabei ist die Behandlung des Wasserfarbenelements, seiner Tupfen,
durchschimmernden
Flächen,
verlaufenden
Feuchtigkeiten von listigem Raffinement.
Geht es zum Oel, wird die Sache für Jeanne
Mammen natürlich schwieriger. Das Illustrative
hört nicht auf. Aber dabei wächst nun ihre Charakterisierungskunst recht bedeutend. Eine
94
26
Max Deri, Zwei neue Künstler, in: B.Z. am Mittag, Nr. 288,
21. 10. 1930.
27
Max Osborn, Jeanne Mammen. Ausstellung bei Gurlitt, in:
Vossische Zeitung, 4. 11. 1930.
28
Adolphe Donat, Jeanne Mammen bei Gurlitt, in: Berliner
Tageblatt, 8. 11. 1930.
29
Alfred Durus, Wartenberg – Jeanne Mammen, in: Rote
Fahne, Nr. 276, 26. 11. 1930.
morbide Gesellschaft taucht auf. Girls, Nutten,
ausgewachsene, bewährte Dirnen. Es duftet
nach Laster, dessen Existenz mit einem melancholischen Humor umrankt wird …« (Max Osborn)27
»Sie zeichnet und malt. Aber sie ist nicht AuchMalerin. Nur daß der Grundzug ihrer farbigen
Köpfe den angeborenen Zug des Zeichners
verrät. Unter den Oelstücken erscheinen vor allem zwei Bilder als Arbeiten eines Beherrschers
der sparsamen Farbe: Valeska Gert als Chansonette und Der durchsichtige Hut . Ober dem
Gert-Bildnis, aus dessen schwarzem Hintergrund der rassige, pfiffige Kopf scharf hervorlugt, und über dem Durchsichtigen Hut liegt so
etwas wie ein pariserischer Abglanz von
Lautrecs Gnaden, ohne daß man von Nachempfindung sprechen könnte. Hier sind schon brillante Ansätze zu physiognomischen Fragmenten gegeben. Und von diesen zwei Köpfen wird
die künftige Galerie der Mammenschen Bildnisse ausgehen müssen …« (Adolphe Donath)28
»… Bei Gurlitt sieht man radikal-kleinbürgerliche
Arbeiten, Bilder und Graphik einer Frau,
Jeanne Mammen. Vom bürgerlichen Wohlanstand ist hier nicht viel übrig geblieben. J. M.
durchblickt die Schleier und zeigt auf: Verwesung, Häßlichkeit, Prostitution – in der Behausung des Bourgeois, auf der Straße, in der Bar,
im Tingeltangel, in der Revue, überall. Ihre Bilder könnten, auf einen Generalnenner gebracht,
heißen: Fäulnis, George-Grosz-Einflüsse, doch
eigene Augen, eigene Erlebnisfähigkeit. Und
J. M. kann malen und zeichnen. Im blauen Licht
ist nicht nur ein malerisch und zeichnerisch wertvolles Bild, sondern die bildnerische Feststellung eines Gesellschaftskritikers mit einem außergewöhnlichen Beobachtungsvermögen: so
ist es und nicht anders. Würde sie ein Mitkämpfer auf der Seite der klassenbewußten Arbeiterschaft sein, könnten die kleinbürgerlichen Grenzen ihrer Kunst durchbrochen werden.« (Alfred
Durus)29
95
Jeanne Mammen gestaltet sieben Illustrationen
für »Octave Uzanne, Die Pariserin. Studien zur
Geschichte der Frau der Gesellschaft der französischen Galanterie und der zeitgenössischen
Sitten«, Dresden 1930.
1931/32
Auf Anregung des Berliner Galeristen Fritz Gurlitt arbeitet Jeanne Mammen, als Nachwirkung
der erfolgreichen Präsentation der viel beachteten Ausstellung von 1930, achtzweifarbige Lithographien zu Pierre Louys‘ »Die Lieder der Bilitis«, Variationen zum Thema der lesbischen
Liebe. Louys (1870–1925), Freund von Stéphane
Mallarmé, André Gide und Paul Valéry und Anhänger einer verfeinerten Sinnesfreude und Ästhetik, war französischer Erzähler und Verfasser
von Romanen in poetischer Prosa vorrangig zu
Motiven des spätgriechischen Liebeslebens.
Die ursprünglich konzipierte bibliophile Prachtausgabe, die in Zusammenarbeit mit dem Drukker der Hochschule für Bildende Künste in BerlinCharlottenburg, Herrn Selig, gedruckt werden
sollte, erscheint jedoch infolge der einsetzenden Wirtschaftskrise und des 1933 vollzogenen Machtantritts der Nationalsozialisten nicht
mehr. Die gesamte noch gedruckte Auflage der
acht Blätter wird durch spätere Kriegseinwirkung im Keller des Druckers vernichtet, erhalten
sind lediglich sieben Probedrucke im Nachlaß
Jeanne Mammens.
Neben den Blättern zur »Bilitis« entstehen weitere Lithographien, von denen noch sechs Werke
nachweisbar sind. Sämtliche dieser Steinzeichnungen sind »niemals auf Umdruck« gearbeitet,
»weil es häßlich ist. Das rutscht ja immer; außerdem darf man Umdruckpapier nicht mit der Hand
anfassen – es könnte Fettdran sein.« (J. M.)30
1931 erscheinen noch drei Bücher sittengeschichtlich-erotischer Unterhaltungsliteratur mit
zahlreichen Illustrationen Jeanne Mammens:
»Magnus Hirschfeld, Sittengeschichten der
Nachkriegszeit«, Leipzig, Wien 1931 (mit 7 Illustrationen);
96
»Curt Moreck, Führer durch das lasterhafte
Berlin«, Leipzig 1931 (mit 14 Illustrationen). (Ein
Reprint erscheint 1987 in der »edition divan«,
Berlin 1987);
»Alfred Kind, Flucht aus der Ehe«, Wien 1931 (mit
1 Illustration).
1932
Gemeinsame Reise mit Hans Uhlmann in die
Sowjetunion nach Moskau.
Jeanne Mammen fertigt vier Illustrationen zum
Artikel »Berliner Momentbilder« für die »Deutsche Zentral-Zeitung«, Berlin (der deutschsprachigen Ausgabe der Moskauer »Prawda«).
J. M., »Straßenszene«, 1932
Feder und schwarze Tusche, 27,5 x 22 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
31
Jeanne Mammen,zitiert nach: Kinkel 1978, S. 97.
Jeanne Mammen in einem unveröffentlichten handschriftlichen Lebenslauf, Nachlaß der Künstlerin (Jeanne-MammenGesellschaft e.V., Berlin).
33
Jeanne Mammen 1974 (Variante der unter Anm. 11 zitierten Fassung), in: Katalog »Lithographien der zwanziger
Jahre, Öl- und Temperabilder aus drei Jahrzehnten«, Galerie G.A. Richter, Stuttgart 1974, o. S.
34
Roters 1978, S. 53.
32
30
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 100.
1933/34–1945
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten
im März 1933 verliert Jeanne Mammen ihre Existenzgrundlage als Illustratorin, da die zahlreichen Zeitschriften und Verlage, für die sie mit
ständig wachsendem Erfolg gearbeitet hatte, ihr
Erscheinen einstellen oder aber sich gleichschalten lassen. So stellt sie auch freiwillig die
Zusammenarbeit mit dem Münchner »Simplicissimus« ein, dessen Redaktion sie die lakonische
Mitteilung zukommen läßt, sie sei »jetzt anderweitig beschäftigt« (J. M.).31 Jeanne Mammen
steht den Nazis in »unversöhnlichem Haß« gegenüber (Roters) und wählt den Weg in die innere Emigration, der sie in der Mitte ihres Lebens und auf der Höhe ihrer bisherigen künstlerischen Arbeit trifft: »von 33 bis 38 gestempelt«
(J. M.).32
Sie zieht sich zurück und gibt ihren neusachlichen Stil auf: »Ende meiner realistischen Periode, Übergang zu einer den Gegenstand aufbrechenden aggressiven Malweise (als Kontrast
zum offiziellen Kunstbetrieb)« (J. M.)33, und beginnt ab Mitte der dreißiger Jahre in Malerei und
Zeichnung ihre an Picasso orientierte neue kuboexpressionistische Stilphase mit »einer trokkenen Plakat-Tempera-Technik auf großen Pappen«, die »durch eine kräftige, leuchtende Farbigkeit gekennzeichnet ist« (Roters).34
97
1933
Letzte für die Zeit des Dritten Reiches nachweisbare Ausstellungsbeteiligung Jeanne Mammens – als Gast – an der Frühjahrsausstellung
des »Verein der Künstlerinnen zu Berlin« in dessen Atelierhaus am Schöneberger Ufer 38 (12.
3. – 3. 4. 33). Diese Ausstellung stößt in der Berliner Presse auf reges Interesse, wobei zum einen
konstatiert wird, »mit welcher Sorgfalt und
Mühe« diese Frühjahrsschau von knapp vierzig
»Frauen im Beruf« zusammengestellt wurde.35
Zum anderen wird diesen Künstlerinnen u. a.
von dem bekannten Kritiker Franz Servaes vorgehalten, daß sie sich in ihren künstlerischen
Werken »konstruktivistischen, futuristischen, abstrakten und anderen Modeforderungen« zu
leicht unterwerfen. Sie sollten vielmehr »das
künstlerische Steuer nicht hin- und herschwanken lassen. Und sich vor allem auf ihre echte
Frauennatur [sic!] stützen, die eines künstlerischen Ausdrucks so wundervoll fähig ist – die
man aber nicht durch fatale Modedoktrinen sich
darf kaputtmachen lassen.«36
In der nationalsozialistischen Kampfpresse wird
auch dieser Ausstellung arischer Ungeist und
somit dürftige Qualität unterstellt, wozu sich
der Kritiker im »Völkischen Beobachter« versteigt:
»Mit verschwindenden Ausnahmen ist der Geist
der Flechtheime vertreten. Und selbst bei diesen
Ausnahmen ist mindestens das Sujet jüdisch:
Neger in blauem Korsett , Chinesin , Abessinierin usw. Die Namen im Katalog lassen an
Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wir lesen: Erna Pinner, Jeanne Mammen, Gertrud Koren, Julie Wolfshorn, Milly Steger; und so geht es
weiter bis zu Käte Münzer-Neumann, der es
trotz guter Beziehungen zu einem jüdischen Kritiker nicht gelungen ist, im Kronprinzen-Palais
aufgenommen zu werden, obwohl sie doch eine
ebenso rassereine Jüdin ist wie Else LaskerSchüler. Inzwischen wird sie ja diesen Wunsch
begraben haben. Den adligen Damen aber und
den Nichtjuden dieses Vereins ist zu raten, sich
98
J. M., »An der Theke«, 1934
Feder und schwarze Tusche, 33 x 37 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
Jeanne Mammen vor ihrem Bücherkarren auf dem Kurfürstendamm.
Fotografie 1933/34
(auf dem Dach des Bücherkarrens über der Künstlerin die
Drahtplastik »Lächelnde Berolina«, Skulptur von Hans Uhlmann)
35
v. B., Frauen im Beruf. Verein Berliner Künstlerinnen, in:
Kreuz-Zeitung, Nr. 79, 20. 3. 1933, Beiblatt S. 3.
36
Franz Servaes, Künstlerinnen auf der Suche, in: Der Tag,
Nr. 61, 12. 3. 1933, o. S.
37
F. B., Zwei Ausstellungen, in: Völkischer Beobachter, 77.
Ausgabe, 18. 3. 1933, 2. Beiblatt, S. 2.
38
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 95.
39
Roters 1978, S. 63.
so schnell wie möglich von der Mischpoche loszulösen.« (F. B.)37
Jeanne Mammen zieht mit einem Bücherkarren
mit antiquarischen Werken, Zeitschriften und
Originalgraphik durch die Nebenstraßen des
Kurfürstendammviertels, wobei sie auf dem
Dach dieses Handwagens die Drahtplastik »Lächelnde Berolina« mit sich führt, eine Skulptur
ihres Künstlerfreundes Hans Uhlmann.
Daneben besucht sie einen privaten Zeichenkurs in der Hardenbergstraße: »Der war um die
Ecke. Ich hab mir überlegt: Du hast genug Pfeffer
und gehst dahin. War eine ganz kleine Bude. Da
habe ich mich krumm und lahm gezeichnet: vier
Stunden am Tag. (…) Jahrelang bin ich da hingegangen. Hatte entsetzlich schlechtes Papier –
das bessere war viel zu teuer. Ich habe dort auch
furchtbar viel Schüler gezeichnet – die merkten
das gar nicht, die Sauerkrautbärte. Es war eine
ganz freie Sache, war nett, gefiel mir sehr. Die
Sitzung kostete fünfzig Pfennige; man konnte
kommen und gehen, wann man wollte. Es ging
durch, bis die Bomben kamen.« (J. M.)38
Die in diesen »im Verborgenen« (Kinkel) entstandenen ca. 2000 Zeichnungen »sind realistisch gestaltet, jedoch haben sie gegenüber
den früheren Arbeiten die heitere Flüssigkeit
und elegante Selbstverständlichkeit des leicht
und in ungebrochenem Schwung über das Papier laufenden Strichs verloren. (…) Der Strich
wirkt kratziger und widerborstiger, gestaute
Energie vibriert darin (…). In den Porträtzeichnungen werden die Köpfe und Gesichter der
Dargestellten aus heftig und temperamentvoll in
die Fläche gesetzten Strichbündeln plastisch
aufgebaut und in langläufig ausfahrenden Konturlinien sicher und präzis umschrieben.« Die
»physiognomischen Impromptus« der skizzierten Mitschüler »sind zwar nicht lieblos, sondern
im Gegenteil immer mit einer zugreifenden Anteilnahme, aber dafür mit einer diagnostisch entlarvenden zielgenauen Unerbittlichkeit zu Papier gebracht« (Roters).39
99
Erhält 1946 (und 1948) von der von Herbert
Sandberg und Günther Weisenborn in Berlin
herausgegebenen Zeitschrift »Ulenspiegel« Illustrationsaufträge für Titelblätter und Zeichnungen; ebenso arbeitet sie für die Zeitschrift
»Athena« (1947/48).
1935 lernt Jeanne Mammen bei Hauskonzerten
des Ehepaares Kurt und Grete Wohl in BerlinSchlachtensee den Biologen Max Delbrück, der
1937 in die USA emigrierte, und den Journalisten
Erich Kuby kennen.
1938 zeigt Max Delbrück, Verehrer und Sammler
ihrer Kunst, im California Institute of Technology, Pasadena/Kalifornien, eine kleine private
Einzelausstellung mit Werken Jeanne Mammens.
1945/46
In den letzten Kriegsjahren erfährt Jeanne Mammen eine Zwangsausbildung zum »Feuerwehrmann Nummer Eins. [Ich] mußte Brandwache
schieben nach der Entwarnung bis drei Uhr
früh.« (J. M.)40 Bei den russischen Bombenangriffen wird der Dachraum und ihr darunter liegendes Atelier von einer Brandbombe getroffen,
wobei ein Großteil ihrer Bilder, Zeichnungen,
Lithographien und Möbel verbrennt, durch
Löschwasser zerstört und auch gestohlen wird.
Nach der Einnahme Berlins im April/Mai 1945 errichtet die Sowjetarmee ein Biwak auf dem Hof
des Hauses Kurfürstendamm 29. In dem dort aufgefundenen Abfall findet Jeanne Mammen diverse Drahtenden, aus denen sie Relief-Figuren
formt, die in die Bilder eingefügt werden, und zusammen mit anderen Abfallprodukten zierlichelegante Profile und Gegenstände biegt, hierin
auch beeinflußt durch Köpfe und Drahtfiguren
Hans Uhlmanns. Weiteres Material für ihre
künstlerische Arbeit sind weiße, von CAREPaketen stammende Kordeln, die auf gemalte Bilder appliziert werden.
Infolge häufiger Stromausfälle wird die Arbeit
an Bildern oft unmöglich, weshalb Jeanne Mammen mit dem plastischen Modellieren in Gips
beginnt: »Ich modelliere bei Kerzenschein, da
immer wieder Lichtsperren.« (J. M.)41 (Von den
erhaltenen Gipsformen werden ab 1978 von
der Jeanne-Mammen-Gesellschaft e.V., Berlin,
Bronzegüsse von max. 12 Exemplaren durch die
Berliner Kunstgießerei Füssel erstellt.)
100
Jeanne Mammen in ihrem Atelier Hinterhaus Kurfürstendamm 29.
Fotografie um 1945
(die Künstlerin beim Zusammenlegen der weißen Kordel für
das Materialbild »Trompete« vorn rechts auf dem Tisch)
40
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 97.
Jeanne Mammen in einem unveröffentlichten Brief an
Max Delbrück v. 7. Dezember 1947 im Nachlaß der Künstlerin
(Jeanne-Mammen-Gesellschaft e.V., Berlin).
41
J. M., »Doppelkopf«, 1947
Mischtechnik, 46 x 35,5 cm
(Entwurf für das Ausstellungsplakat der Galerie Gerd Rosen)
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
Im Atelier von Jeanne Mammen.
Fotografie 1946
(auf dem Hocker vorn steht die Terrakotta-Plastik »Musikalischer Clown«, die später bemalt und mit bunten Abziehbildern beklebt wurde [zerstört]. Rechts dahinter der Gips
»Kopf«, der ebenfalls später bemalt wurde [Jeanne-MammenGesellschaft, Berlin] . Links daneben auf dem Bilderstapel und auf der Konsole an der Wand Papierarbeiten für das
Kabarett »Die Badewanne« [zerstört]).
1947
Nachdem unmittelbar nach Ende des Zweiten
Weltkrieges Hans Uhlmann im April 1945 die ersten Kunstausstellungen in der Kamillenstraße
in Berlin-Steglitz organisiert hatte, an der auch
Jeanne Mammen mit einigen Werken beteiligt
war, gründet Gerd Rosen im Sommer desselben
Jahres am Kurfürstendamm 215 als erster im
zerstörten Nachkriegsdeutschland seine avantgardistische Kunstgalerie, an der neben dem
Maler Heinz Trökes und Rudolf Springer vor allem Hans Uhlmann als Ausstellungsleiter fungiert. Uhlmann richtet hier im Februar 1947 die
erste Einzelausstellung Jeanne Mammens nach
Kriegsende aus, die ca. 30 ab 1933/35 entstandene Gemälde und Zeichnungen umfaßt, und für
die sie das Ausstellungsplakat entwirft.
Die während der Nazidiktatur im Verborgenen
geschaffenen Werke werden erstmals öffentlich
bekannt und finden in der Presse eine begeisterte Aufnahme. So führt Wolfgang Weihrauch
u. a. aus:
»Ein Bild von Jeanne Mammen heißt La condition humaine . Sie könnten alle so heißen, diese
Reproduktionen der Bedingungen des Menschen im Jahr 1947. Die unerschrockene und folgerichtige Malerin Mammen reproduzierte die
Wirklichkeit, nichts weiter. Aber da sie von der
Kunst vergewaltigt ist, erscheint in ihren erschütternden Bildern … Kunst plus Realität, das
ist die Wahrheit. Denn die Kunst ohne die Realität ist weder Kunst noch Realität, die ist gar
nichts. Wir kennen das. Realität aber ohne Kunst
ist auch nichts. (…) Genau so geht es vor in den
Bildern der Mammen. Ihre Menschen – man
sieht es – sind … gar keine Menschen, sie sind
unnatürlich, also sind sie nichts, sagen uns
101
nichts (und sind womöglich schlecht gemalt). In
Wahrheit ist es genau umgekehrt: denn weil die
Figuren von Jeanne Mammen scheinbar irreal
sind, zeigen sie unsere ganze veränderte Wirklichkeit. Es ist so einfach: die Menschen hier sind
zugleich Figuren und Transfigurationen. Sie reproduzieren und, durch den Pinsel der Malerin
gefiltert, produzieren. Was? Unsere plattgewalzte und eingeschnürte Wirklichkeit. Niemand
kann leugnen, daß die Realität des Jahres 1947,
gewiß nicht nur in Deutschland, der Fülle und
des Atems entbehrt. Wir sind alle nivelliert und
atemlos. Eben das verwirklicht die Malerin. Sie
teilt also die Struktur der Zustände von uns allen
mit. (…) Jeanne Mammen bleibt nicht in ihrer
Dachstube, sondern sie geht auf die Straße und
trägt das, was ihr da begegnet, zu sich hinauf, wo
sie es verarbeitet. Zweifellos ist diese Röntgenkunst weder ziellos noch bequem. Es ist dies
keine Sofakunst. Die Bilder der Mammen sind so
beschaffen, daß wir über sie nachdenken, über
die Ursachen unserer Geschnürtheit und Atemlosigkeit, über die Ursachen und über die Ursächer. Diese Bilder sind so geartet, und sie sind,
wie alle Äußerungen der echten Kunst, dazu da.
Indem aber Jeanne Mammen unsere Gedanken
weckt, ja lenkt, wird sie erst zur großen Künstlerin.«42
Andere Kritiker heben besonders auf den picassesken Charakter ihrer Werke ab: »Wie, malt die
Frau von Picasso, jenem schillernden Chamäleon zwischen Kubismus und Klassik, etwa
auch? – Er hat immerhin eine, er hat sie ja auch
abkonterfeit, übrigens nicht in Prismen zerlegt,
vielmehr überraschend natürlich ! Aber ob sie
nicht nur den Fächer handhabt, sondern auch die
Palette, gestehen wir, daß wir es nicht wissen.
Wir meinen auch nicht sie, es ist Jeanne Mammen, die wir hier kühn Madame Picasso benamsen. Bei Gerd Rosen erscheint sie mit rund
dreißig Bildern und Zeichnungen, die nicht nur
Schäfer und Trompeter , eine Negerin , eine
Ballerina aufspalten in kunterbunte Würfel,
nein, uns auch spanisch kommen bis in die Hin-
102
tergründe, die dunkel glühen. Eine erstaunlich
männliche Kraft bei aller Fähigkeit der Einfühlung. Und sie scheut auch nicht Dadaistisches ,
so in der Kirche am Winterfeldtplatz , deren
Neugotik sie mit aufgeklebten echten Spitzen
ziert und verbrämt. Sie umweht Dionysisches,
nicht zufällig tragen die Figuren auf dem Bild,
das sie Leben heißt, Weinlaub im Haar!«
(F. D.)43
Aus dem Kreis der Künstler um die Galerie Gerd
Rosen findet Jeanne Mammen besonders in
Hans Thiemann (1910–1977) einen vertrauten
Freund, später schließt sie sich eng an den Maler Hans Laabs an.
Jeanne Mammen beim Modellieren der Tonskulptur »Männerkopf« in ihrem Atelier.
Fotografie 1945/46
Jeanne Mammen, Kirche am Winterfeldtplatz, vor 1947
Öl und Spitzen – Spitzen-Applikationen aus Papier auf Pappe
42
Wolfgang Weihrauch, Was in Deutschland kaum jemand
kennt. Die Malerin Jeanne Mammen, in: Ulenspiegel, Jg. 2,
Nr. 3, Februar 1947, S. 4.
43
F. D., Die Madame »Picasso«, in: Stadt-Telegraf, 27. 2.
1947.
1948
Beteiligung an der Gruppenausstellung »zone
5« in der Berliner Galerie Franz (4. 10. – 20. 10.
1948), zusammen mit den Bildhauern Karl Hartung und Hans Uhlmann sowie den Malern Hans
Thiemann, Heinz Trökes und Mac Zimmermann.
Jeanne Mammen ist darin mit acht Gemälden
und einer Reihe von Zeichnungen vertreten. Im
Ausstellungskatalog schreibt der Kritiker Will
Grohmann u. a.:
»sechs freunde der generation nach picasso haben sich zur zone 5 zusammengeschlossen und
stellen gemeinsam aus. was sie verbindet, ist
der mut zum experiment, etwa so, wie paul valéry es meint, wenn er schreibt, daß nur durch
gewagteste fragestellungen die kunst lebendig
bleiben könne. ist eine weitgehende gemeinsamkeit in der auffassung der welt als eines neu
zu begreifenden kosmos, dessen gesetze von allen selten her neu konstituiert wurden. ist der
wunsch, allen fragwürdigkeiten zum trotz eine
gesinnung zu manifestieren, die zukunftsgläubig ist, ohne daß sie die problematik ignorierte.
ist das bedürfnis, die sprachmittel zu erneuern
und eine dem wandet der dinge kongeniale form
zu finden.
sonst sind die sechs jeder eine welt für sich, tendieren zu sehr differenten zielen. (…) thiemann
ist ein mensch mit viel kunstverstand. so etwas
103
perimentierens gemacht ist und unser einzigster
Lohn ist, daß wir unsere Ideen auf der Bühne
realisiert sehen.« (J. M.)46
Beginn der lyrisch-abstrakten Periode; »Übergang zu aufgelockerter polychromer Malweise«
(J. M.)47 in Bildern eines inneren Monologs.
steht beim arbeiten oft im wege und schafft hemmungen, zumal wenn man auf der grenzscheide
von erdhaft und spirituell steht und eine neigung
zum humor besitzt. mammen ist eher das gegenteil, sie nimmt alles sehr ernst und wagt nur selten ausflüge ins frauenhaft dekorative und verspielte. sie hat auch gebildhauert; das sieht man
ihren bildern an, besonders den letzten, deren
wesen so aussehen, als ob die kolosse der osterinsel geschmolzen wären …«44
Die Auseinandersetzung mit Plastik und Drahtobjekten findet ihren Niederschlag in der Malerei, deren »Farben [alle] mit ÖI« gemischt werden (J. M.)45: die gegenständlichen und abstraktgeometrische Motive erscheinen in weißen Umrißlinien, Köpfe und anderen Figurationen
schweben gleichsam vor einem farbigen Grund.
1949/50
Es entsteht eine Serie von Porträtzeichnungen
der Künstlerinnen des Berliner Kabaretts
»Staubsauger« wie Ethel Reschke, Maria Ney
und Ellen Avenarius sowie der Tänzerin Tatjana
Gsovsky und der Chansonette Olga Rinnebach.
Gestaltung von Kulissen und Kostümen für das
am 25. Juni gegründete und am 2. Juli 1949 in der
Nürnberger Straße in Berlin eröffnete existentialistische Künstler-Kabarett »Die Badewanne«,
an dessen Programm sie ebenfalls mitwirkt
und dem u. a. Alexander Camaro, Werner
Heldt, Johannes Hübner, Hans Laabs, Lothar
Klünner und Katja Meirowski angehören. Aus
diesem Kreis findet Jeanne Mammen zu einer
besonders engen Freundschaft mit dem »DichterDioskuren-Paar« Johannes Hübner und Lothar
Klünner.
»Die Berliner Schaukel funktioniert hübsch weiter mit up and down in artists life, augenblicklich
ist es nun wieder mal up – wir haben ein kleines
Theater eröffnet – mehrere Maler und Schriftsteller zusammen – und geben die komischsten
Sachen, die wir uns selbst ausdenken – das
macht sehr viel Spaß und gibt viele Anregungen,
wenn es auch pour l‘amour de l‘art und des Ex-
104
J. M., Maria Ney, 1949
Bleistift, 29 x 22 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
44
Will Grohmann, Einführung im Katalog der Ausstellung
»zone 5«, Galerie Franz, Berlin 1948, o. S.
45
Jeanne Mammen in einem unveröffentlichten Brief an
Max Delbrück v. Mai 1948 im Nachlaß der Künstlerin
(Jeanne-Mammen-Gesellschaft e.V., Berlin).
46
Jeanne Mammen in einem Brief an Max Delbrück v. 10. Februar 1950, hier zitiert nach: Delbrück 1978, S. 128.
Programmzettel des Kabaretts »Die Quallenpeitsche«, 1950
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
47
48
Jeanne Mammen, 1974.
F. D., Eine begabte Malerin, in: Der Telegraf, 19. 3. 1954.
1954
Im Mai–April 1954 zeigt die Berliner Galerie
Anja Bremer die zweite Einzelausstellung der
Künstlerin nach 1945, die zwanzig neue Bilder
umfaßt und u. a. folgende Pressekritik erfährt:
»Wirklich begabte Frauen sind im Bezirk der bildenden Künste immerhin noch ein bißchen seltener als begabte Männer. Zu Ihnen zählt ohne
Zweifel die Jeanne Mammen. Seit ihrer Kollektivschau 1947 bei Gerd Rosen hat man kaum etwas von ihr gesehen. Aber offenbar hat sie im
Stillen emsig geschafft, denn ihre neuen Arbeiten … erweisen einen deutlichen Aufschwung.
Um so überraschender, da sie ja nun schon – bei
einem Talent darf es gesagt sein – die Mitte der
Fünfzig überschritten hat.
Das jetzt Gezeigte unterscheidet sich vom Früheren durch zunehmende Vereinfachung. Die
Reste des Dadaistischen, wie vordem die aufgeklebten Spitzen, sind völlig verschwunden. Auch
die allzu spürbare Anlehnung an Picasso. Das
Gegenständliche, ob dies nun Katzen sind oder
Tänzerinnen, Luftakrobaten oder Gartenstühle,
wird nur noch mit ein paar sparsamen Strichen
angedeutet und liegt als graphisches Ornament
auf schillernden Hintergründen. Die Farben gewannen an Reinheit und Reichtum und konzentrieren sich häufig um einen hell leuchtenden
Kern.
Hier wird die Materie gleichsam zum Glühen gebracht, bis sie zerschmilzt, und das Irdische sich
verwandelt ins Geistige. Das vermag ein junger
Mensch nicht, dazu gehört die gereifte Erfahrung. Im Technischen wie in der Kammer des
Herzens. Titel wie Mond über New York und
Roter Rosenstrauch im Regen sind nicht bloße
Benennungen. Wer genauer hinblickt, entdeckt
105
Zärtlichkeit und eine lächelnde Melancholie.«
(F. D.)48
1960
Zum 70. Geburtstag große Einzelausstellung
des Senators für Volksbildung in der Akademie
der Künste, Berlin (22. November – 11. Dezember 1960) mit Ölbildern, Aquarellen, Zeichnungen und Studienblättern, zu der ein Katalog erscheint. Die Eröffnungsrede hält Friedrich AhlersHestermann, in der er u. a. ausführt:
»Sie hat sich leider nicht entschließen können,
dieser Ausstellung auch Gemälde aus früherer
Zeit einzufügen. (…)
Jeanne Mammens Bilder sind Gespinste, und
sie hat in unermüdlicher Arbeit ihre Fäden gesponnen, vielfach übereinander und durcheinander gewirkt, bis ihr das Vorschwebende erreicht schien, bis in die primäre Erscheinung
ihrer schweren Stofflichkeit entkleidet und in
ihre lyrische Sprache verwandelt war. (…)
Eine realitätsnähere Welt nun tut sich in den
Zeichnungen auf, die größtenteils einer früheren Stilstufe entstammen.« (…)49
1962/63
Beginn der Glanzpapier-Collagen: Papier- und
Stanniolfetzen auf Ölgrund. »Ich hatte mich verliebt in Glasfenster und die Farben aus der Tube
kamen mir dreckig vor. Da habe ich die glänzenden Bonbonpapiere gefunden und ich habe
schüchtern angefangen, einige aufzukleben. Ist
eine Sauarbeit! Alle Welt hat für mich Bonbonpapier gesammelt. Habe noch ganze Schubladen
voll, die ich nicht mehr brauche, weil ich nicht
mehr klebe. Ich habe nie daran gedacht, Stanniolpapier mit Weltgefühl zusammenzubringen:
es hat mir einfach eine Zeitlang einen Riesenspaß gemacht. Aber wie gesagt: eine Riesenarbeit, eine Geduldsprobe, aber Geduld muß man
mit allem haben.« (J. M.)50
»Es ist auch kein Zufall, daß plötzlich buntes Pralinenstanniol fast gleichberechtigt neben die Ölfarbe tritt, es ist sinnfälliger Ausdruck des karne-
106
Das Kabarett »Die Quallenpeitsche« in der »Badewanne«.
Fotografie 1950
(die Mitglieder Johannes Hübner, K. H. Hartmann und Lothar
Klünner [v.l. n. r.] während der Szene »Lorca-Gedicht« vor
dem gemalten Bühnenprospekt von Jeanne Mammen)
Künstler des Malerkabaretts »Die Badewanne«, Berlin.
Fotografie 1949
(stehend von links nach rechts: Waldemar Grzimek, Johannes Hübner, Lo Berken, Ute Hübner, Christa Grzimek, Hans
Laabs, Eva Goldberg, Jeanne Mammen; davor sitzend
v. l. n. r.: Rolek Casella, Paul Rosié, Katja Meirowski, Margot
Schmidt, Wolfgang Frankenstein)
49
Rede zur Eröffnung der Jeanne-Mammen-Ausstellung in
der Akademie der Künste in Berlin, gehalten am 22. November 1960, hier zitiert nach dem Typoskript im Nachlaß der
Künstlerin (Jeanne-Mammen-Gesellschaft e.V., Berlin).
50
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 100.
J. M., Sunset auf Helgoland, um 1962
Öl und Stanniolpapier auf Leinwand, 35 x 42 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
valistischen Übermuts, der vom Produzieren
nun nicht mehr zu trennen ist. Aber was sich so
frivol gibt, ist zugleich sublimster Ausdruck der
ikonoklastischen Kasteiung, Selbstverstümmelung des ehrwürdigen traditionellen Malmaterials durch den Trivialkitsch, in den die Süßwarenindustrie ihre Erzeugnisse wickelt. Hier wurde der dadaistische Kunstmord zur Tat im
Rummelvollrausch variiert und zugleich eine
Ästhetik ausgebildet, die den Nuancen solcher
Ekstase gerecht wird.« (Klünner)51
Ab 1965 bildet sich eine letzte schon in den frühen fünfziger Jahren in ersten Ansätzen entwikkelte Werkphase der »numinosen« Bilder heraus.
In diesen Bildern »erfährt das Numinose eine
weitere Verdichtung. Große Kreuze sind in die
Fläche gesetzt, Durchstreichungen gleich; – Löcher in der Welt. Die Zeichen der Geister haben
es schwerer, bis an die Oberfläche des Bildes
vorzudringen. Manche sehen aus, als durchstießen sie eine Wand und seien darin steckengeblieben. Der Tod ist kein Skelett, der Tod ist eine
Farbe. Die Bilder werden heller, der Farbauftrag
wird dicker und pastoser, die Bilder werden
schwerer, Jeanne Mammen mauert wieder, die
Bilder werden weiß, sie baut eine weiße Mauer
auf, die weiße Mauer der Ewigkeit. Der Tod
nimmt alle Farbe hinweg. Der Tod ist weiß. Das
Weiß ist keine Mauer mehr, es ist weiß, – nichts
als weiß …« (Roters)52
1967
Jeanne Mammens Übersetzung von Arthur Rimbauds »Illuminationen« erscheint im Insel-Verlag,
Frankfurt/Main.
J. M., Taubentürme in Marokko, 1969
Blei- und Buntstifte, 20,5 x 15,5 cm
(aus einem Skizzenbuch)
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
51
52
Klünner 1978, S. 108.
Roters 1978, S. 91.
1969
Im Mai–Juni 1969 zusammen mit Max Delbrück
und dessen Frau Reise nach Marokko: »Casablanca–Marrakesch – Ouarazate – Tinebier –
Kser el Souk–Erfoud (Wüste) wieder rauf nach
Meknes–Rabat, wo ich 11 Tage [infolge einer
schweren Lungenentzündung, d. Verf.] im Hos-
107
pital lag und von nichts, nichts mehr wußte. Es
war schon eine tolle Sache, zweimal über den
Atlas, die verrückten Burgen dort, der Abend mit
den Tänzerinnen in Marrakesch, das Castell (wir
als einzige Gäste) mit dem Folklorefest sämtlicher Negerdörfer in der Umgebung, das Drautal, die Oasen, die Kamele, das Fort in der Wüste
mit den zwei Soldaten, die absolut nichts zu tun
hatten, als in die Wüste zu starren.« (J. M.)53
1970
Zum 80. Geburtstag Einzelausstellung im Neuen
Berliner Kunstverein, Berlin, vom 14. 12. 70 bis
29. 1. 71 mit 29 Öl- und Temperabildern aus den
Jahren 1929 bis 1970. Katalog mit Beiträgen von
F. Ahlers-Hestermann, Max Delbrück, Johannes
Hübner, Lothar Klünner, Erich Kuby und Hans
Thiemann.
In der Welt erscheint von L. S. eine Besprechung:
»… Erstaunlich ist in der Tat, daß sie sich in den
letzten Jahren nochmals einen ganz neuen eigenen Bildstil erschaffen hat. Heiterer und unbeschwerter, als es die älteren Arbeiten vorausahnen ließen. Sie erprobt Mischtechniken mit
Collage-Elementen, am liebsten mit farbigen
Stanniolpapieren, die sie wie kleine Glanzlichter über die Leinwand verstreut. – Es scheint, als
hätte Jeanne Mammen das Problematische aus
ihrem Leben ausgewiesen und als hätte sie sich
ganz dem Spielerischen aufgeschlossen. Zauberkünstler mit Spielkarten, Geisterzirkus,
Aquarium und Karneval sind die Themen, die ihr
jetzt nahestehen und die sie mit hellklingendem
Charme ins Bild umsetzt.«54
1971
April bis Mai Einzelausstellung in der Galerie
Brockstedt, Hamburg, mit Aquarellen und Zeichnungen aus Paris und Brüssel vor 1915 und Berlin der 20er Jahre. Katalog mit einem Text von
Lothar Klünner.
Arbeiten dieser Ausstellung gingen im Herbst
1971 in die Galerie Valentien, Stuttgart.
Im Hamburger Abendblatt erschien von Inge
Mösch unter der Überschrift »Gesellschaftskritik
108
und Asphaltpoesie« eine ausführliche Würdigung: »… Es war eine Sternstunde, wie sie ein
Kunsthändler selten erlebt , sagte Brockstedt,
als Frau Mammen die seit Jahrzehnten verborgenen Bilder vor mir ausbreitete … In der Ausstellung sieht man Zeichnungen und vor allem
Aquarelle. Die gedämpften Farben wirken ungeheuer ausdrucksvoll, oft werden einzelne Partien graphisch herausgehoben. Jeanne Mammen ist noch heute besessen von ihrer Arbeit,
eine zierliche alte Dame, die ganz ihrer Kunst
lebt.«55
Und Karl Diemer schrieb in den Stuttgarter
Nachrichten zu der Ausstellung bei Valentien:
»Es gibt also partout so etwas wie einen weiblichen Heinrich Zille der zwanziger Jahre und
später, eine Dame, die faszinierend und mit
Herzden Berliner in seinem jeweiligen Milieu zu
schildern versteht. Hervorstechend ist die Zeichnerin … Seither ist die einstige Mitarbeiterin
(bis 1933) von Zeitschriften wie Jugend , Simplicissimus , Uhu und Ulk aus der Vergessenheit zurückgeführt und zur neuen Kostbarkeit geworden. 80 Jahre zählt die Einsiedlerin, die in
einem Mietshaus am Ku-Damm lebt.«56
J. M., Schaubude, um 1962
Öl und Stanniolpapier auf Pappe, 150 x 100 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
53
Jeanne Mammen in einem Brief an Hans Thiemann v. 17.
Juni 1969, hier zitiert nach: Roters 1979, S. 26/27.
54
L.S. [Lucie Schauer], Unbeschwert und heiter im Stil, in:
Die Welt, Nr. 297, 22. 12. 1970.
55
Inge Mösch, Gesellschaftskritik und Asphaltpoesie – Malerin der »goldenen 20er« Jeanne Mammen von Brockstedt
wiederentdeckt, in: Hamburger Abendblatt, 14. 4. 1971.
56
Karl Diemer, Stimmungsflagge auf halbmast – Realismus
der zwanziger Jahre in der Galerie Valentien, in: Stuttgarter
Nachrichten, Nr. 232, 1. 10. 1971, S. 16.
57
Jeanne Mammen in einem Brief an Hans Thiemann v. 19.
Juli 1973, hier zitiert nach: Roters 1979, S. 36.
1973
Im Juli 1973 Reise mit Lothar Klünner nach Avignon zur großen Picasso-Ausstellung im ehemaligen Papstpalast: »… Den quatorze juillet erlebten wir in Avignon mit einem solchen Gedränge, daß man sich in ein Bild von James
Ensor versetzt glaubte. (…) Ziel der Reise die
201 Bilder, von Picasso in den letzten zwei Jahren seines Lebens gemalt. Ich glaube, sie sind
mit Acryl gemalt, mit solch einer Blitzrapidität
und Vehemenz kann man wohl nicht Öl anwenden, um eine Leinwand zur Aussage zu zwingen.
Letzter Kampf des Matadors, der Stier tötet ihn,
indem er den Stier tötet. Unbesiegt beide. Die
große Chapelle im Palais du Pâpe dröhnt noch
von diesem Zusammenprall. 3x waren wir dort,
ohne daß der Eindruck geschwächt oder vermindert wurde.« (J. M.)57
109
1974
Einzelausstellung in der Galerie G.A. Richter
Stuttgart vom 30. 3. bis 30. 5. mit Lithographien,
Öl- und Temperabildern. Katalog mit einem Text
von G. A. Richter und Lothar Klünner.
Auszug aus der Besprechung in »Lady International«, 1974: »Die Ausstellung Jeanne Mammen bis 28. Juni in der Galerie G.A. Richter,
Stuttgart, ist eine Überraschung. Sie zeigt Original-Lithographien aus den zwanziger Jahren,
die bislang als verschollen galten … Von äußerster Empfindsamkeit der Zeichnung getragen,
zeigen sie bei aller Enthüllung eine fast scheue
Erotik … In den fünfziger Jahren geht die Mammen zu einer aufgelockerten, polychromen Malweise über, aus der dann die einmaligen Klebebilder entstehen. Eine neue Mammen, eine
ganz wundervolle Mammen, die es sich nicht erlaubt hat, einfach nur alt zu werden. Und so entstanden so wundervolle Bilder wie Der durchbohrte Mond , das Aquarium , Totem und Tabu , Venezianischer Karneval oder die Photogenen Monarchen .«58
1975
Im Juni 1975 Reise nach Hamburg (letztes Treffen mit Hans und Elsa Thiemann). Vollendet am
6. Oktober 1975 ihr letztes Bild »Verheißung eines Winters«, das der Werkgruppe der »weißen«
Bilder angehört: »Ich habe jetzt eine ungesunde
Vorliebe für Weiß. Wenn es mir wieder besser
geht, werde ich lauter weiße Bilder malen. In
hunderttausend Jahren werden sie dann golden.« (J. M.)59
»Verheißung eines Winters« ist »als einziges
Bild vom ganzen Œuvre genau datiert. Mit
schwarzgrauem Pinsel steht auf der Rückseite
vermerkt: Jeanne Mammen 6. 10. 75. Damit ist
der Schlußpunkt markiert. Links daneben hat jemand mit schwarzem Filzstift den Titel geschrieben, Verheißung eines Winters . Er ist nicht von
Jeanne. Er wurde gewählt, weil die große weiße
Fläche des Bildes sofort Assoziationen an
Schnee hervorruft, an weite Schnee- und Eisfel-
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der, die stellenweise etwas tauen, dort, wo noch
Reste rotglühenden Lebens sich befinden. Die
Leinwand des Bildes zeigt Hängebaucheffekt:
zuviel Farben wurden übereinandergetragen,
das Gewicht des Bildes ist auf über 15 Kilogramm zu schätzen.« (Klünner)60
Jeanne Mammens Gesundheitszustand verschlechterte sich, sie wird kurzzeitig ins Krankenhaus eingeliefert. Danach kann sie nicht
mehr künstlerisch arbeiten: »Ich weiß nur nicht,
wie ich mit diesem so stupid gewordenen Leben
fertig werde, hoffentlich wird es bald mit mir fertig. Reisen aus Zeitvertreib darf ich auch nicht
mehr, höchstens zur Krummen Lanke … Das
wäre das Neueste vom Tage, die Nacht verschlafe ich sowieso, träume von roten Backsteingebäuden in jeder Form, neu oder verfallen, immer mit Efeu überwuchert. Traumdeuter Hans
[Thiemann, d. Verf.], was soll das heißen?«
(J. M.)61
J. M., Verheißung eines Winters, 1976
Öl auf Leinwand, 100 x 121 cm
Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin
1976
Tod Jeanne Mammens am 22. April 1976 in
Berlin.
Gründung der »Jeanne-Mammen-Gesellschaft
e.V.« in Berlin durch die langjährigen engsten
Freunde Johannes Hübner, Marga Döpping, Lothar Klünner, Stanislaw Kubicki, Hans Laabs und
Eberhard Roters. Ziel dieses Freundeskreises
ist der authentische Erhalt des Ateliers der
Künstlerin, die Verwaltung des Nachlasses, die
Organisation von Ausstellungen, die Herausgabe von Publikationen sowie die Unterstützung
und Förderung der wissenschaftlichen Forschung über das künstlerische Lebenswerk
Jeanne Mammens.
58
–r–, Hommage à Jeanne Mammen, in: Lady lnternational,
Mai 1974, S. 95.
59
Jeanne Mammen, zitiert nach: Kinkel 1978, S. 102.
60
Klünner 1978, S. 105.
Jeanne Mammen in einem Brief an Hans Thiemann v. 3.
Dezember 1975, hier zitiert nach: Roters 1979, S. 39.
61
1978
Erscheinen der ersten Monographie »Jeanne
Mammen 1890–1976«, herausgegeben von der
Jeanne-Mammen-Gesellschaft e.V. in Verbindung mit der Berlinischen Galerie, Berlin, in der
Reihe »Bildende Kunst in Berlin«, Bd. 5 (Edition
Cantz, Stuttgart).
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Werke von Jeanne Mammen befinden sich in
zahlreichen Privatsammlungen des In- und Auslandes sowie in folgenden Museen: Städtische
Galerie, Albstadt; Berlinische Galerie, Museum
für Moderne Kunst, Photographie und Architektur, Berlin; Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin; BuschReisinger-Museum, Cambridge/Mass., USA;
Museum of Modern Art, New York; Staatsgalerie,
Stuttgart.
Jeanne Mammen im Atelier, 1975
Zitatnachweise:
*
Für wertvolle Hinweise, umfassende Auskünfte und entgegenkommende Überlassung von bislang z.T. unveröffentlichten Bildmaterials dankt der Autor ganz besonders herzlich Frau Marga Döpping von der Jeanne-MammenGesellschaft e.V., Berlin, die seit 1976 mit großer Umsicht den
Nachlaß der Künstlerin betreut. Der Autor konnte mit freundlicher Unterstützung Frau Döppings mehrmals das im Atelier
verwahrte dokumentarische Material zu Jeanne Mammen
für diese biographische Studie einsehen.
Dank gilt auch Annelie Lütgens, Hamburg, für die freundlich
gewährte Einsicht in ihre bislang unveröffentlichte Dissertation »Jeanne Mammen (1890–1976). Eine Künstlerin in ihrer
Zeit«, Hamburg 1990 (Ms.), der manch wichtige Fakten entnommen werden konnten.
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