Der Tod der Barbara Stanwyck

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Der Tod der Barbara Stanwyck
Der Tod der Barbara Stanwyck
Eine Kriminalgeschichte.
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Mutter, in der Küche stehend, das verkopfte Gemüt der Schwiegertochter erörternd, die sich
von der Lärche heruntergestürzt hat während des verhagelten Lächelns, das sich Onkel Jim
unter seine triefenden Lidfalten gekämmt hatte mit einer wassersüchtigen Geste, weil die
Nachbarstochter wie ein Zirkusaffe die Beine übereinander schlug und unter dem Faltenrock
die sommersprossigen Abszesse ihrer jugendlichen Mitschuld zum Vorschein kamen, die
Onkel Jim mit seinen nach verkohlten Edelkastanien riechenden Fingern befühlte und dabei
ein Jauchzen ausstieß, wie wir es zuletzt gehört hatten, als Karl, der Bauer vom Nachbarhof,
in seinem Getreidesilo die verwesende Leiche der Barbara Stanwyck gefunden hatte, die wir
seinerzeit so gerne im Kino gesehen hatten, als sie sich mit schwarz-weißen
Zelluloidzähnchen das Fleisch aus dem eigenen Unterarm riss.
Ein Teller aus erkaltetem Fett schwimmt auf der Hühnerbrühe in dem großen Emailletopf,
den Mutter jetzt aus dem Kühlschrank holt, und Onkel Jim wirft einen kecken Blick in das
Gefäß und deutet mit dem Finger auf die flockige Fettinsel und beginnt zu glucksen wie ein
Eichelhäher in der Mauser. Vater, Bob und mir ist sofort klar, dass er an die Milz der Barbara
Stanwyck denkt, die Karl aus dem toten Körper der Schauspielerin herausgeschnitten hatte,
nachdem er ihr in einem Akt reinster Menschenliebe die letzte Ölung mit etwas
Apfelsinenkompott angedeihen ließ, denn Karl ist und war stets in erster Linie
Christenmensch.
Bob befreit sich mit der Spitze eines Bleistifts die Fingernägel von der schwarzen Paste aus
Öl und Dreck, die sich bei ihm montags bis freitags während der Arbeit in der Autowerkstatt
unter den Nägeln ansammelt, und formt daraus eine kleine Szene auf dem Küchentisch,
welche die Barbara Stanwyck darstellt, wie sie einem Fremden mit feuchten Lippen eine
Melodie in die Hosentasche flüstert, aber Vater findet die Darstellung anzüglich und zwingt
Bob dazu, sich an den Katzentisch zu Onkel Jim zu setzen, der sich gerade eine Camel an die
Unterlippe geklebt hat, gerade so, als ob er vorhätte, heute Abend noch einmal zur
Nachbarstochter rüber zu schauen, um ihr zu zeigen, was für Folgen es hat, wenn man die
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nackten Füße unaufgefordert dem nächst Besten auf dem Präsentierteller eines frisch
geschnittenen Rasens serviert, eines Rasens, der ebenso aufrecht und steil wächst, wie es das
Haar auf Karls Unterarmen tat, als er sich vom Doktor eine Salbe verschreiben ließ gegen die
unausgesetzte Gänsehaut, unter der er seit dem Fund der verstorbenen Barbara Stanwyck zu
leiden hatte, deren Leichnam im Getreidesilo lag und von der er wahrscheinlich nicht einmal
wusste, wer sie war, als er den namenlosen Frauenkörper aus der Tenne an den Haaren zum
Brunnen schleifte und ihn dort hineinwarf und uns das Grundwasser verseuchte damit.
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Vater, wie er hinter dem Haus stand und Wachsblumen pflückte wegen Mutters Geburtstag,
und die strähnigen Haare des Landarbeiters, mit dem er sich unterhielt, in den bayerischen
Dialekt geschlüpft wie früher in die hohen Schaftstiefel, mit denen er in einem Wutanfall die
Glasperlen zertrat, die sich Mutter aufs Kleid genäht hatte in der Nacht, mit zittrigen Fingern,
während er seinen Rausch vom Kirtag ausschlief, und am nächsten Morgen schickte er Onkel
Jim los, damit dieser die Barbara Stanwyck zum Köhler in den Wald führen sollte, wo sie sich
mitten in den Meiler hineinknien musste, zur Strafe, weil sie eine volle Milchkanne
umgeschüttet hatte, und wie Onkel Jim dann zurückkehrte mit der zu einem Stück Holzkohle
gewordenen Barbara Stanwyck, die er zusammen mit etwas Habichtskraut in der
Botanisiertrommel aufbewahrte, und wie Vaters Augen bei diesem Anblick unter den
verschlammten Brauen glühend heiße Kieselsteine sprühten, die das Flusswasser
verdampften, sodass uns tagelang der Nebel durch die Zahnlücken kroch während des
Schlafes und alle im Tal rachitisch zu keuchen anfingen und die Sommergrippe bekamen,
weshalb man schließlich das Stück Kohle, welches einmal die berühmte Schauspielerin
Barbara Stanwyck gewesen war, in den Ofen warf, um sich gegen die durch das Fieber
verursachte Kälte zu wehren, und Onkel Jim hatte Esskastanien ins Feuer gelegt und sich eine
Roth-Händle nach der anderen angesteckt.
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Die Brustwarzen der Barbara Stanwyck sind wie Palmkätzchen, sagt Vater auf der
Beerdigung von Bobs Frau, die aus lauter Scham, weil sie den neuen Mercedes gegen eine
Lärche gesetzt hatte, sofort nach dem Unfall in die Loisach gegangen war.
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Das Flimmern des Fernsehers, das mir ans Herz gewachsen ist wie eine Natter, und das im
Kot der Maden ersaufende Land unter dem Regenbogen und die nackten Oberkörper der
Steinhauer, die sich den Schweiß mit zahnlosen Flüchen aus der Armbeuge wischen, und die
Krüppelkiefer in meinem Kopf, die dem Leichnam der Barbara Stanwyck Schatten spendet,
der mit sieben mal sieben mal gebrochenem Genick auf dem Misthaufen liegt, weil sich
Onkel Jim eine schwarze Kerze auf die Zunge gesetzt und zum Herrseibeiuns gebetet hat
während der Georgsnacht, und der krausbärtige Bockreiter hat sich als Entlohnung mit um
den Knöchel gebundener Sichel die Nachbarstochter geholt, deren Augen vom Chlor im
Freibad ganz rot geworden waren, als ich sie küsste mit salzigem Mund, kurz vor dem
Sommergewitter, das den Brunnen vom Karl zum Überlaufen brachte, in dessen Wasser sich
das Haar der Barbara Stanwyck wie Algen wiegte und das verseucht war von ihrem
Leichengift, das während des starken Regens, welcher die Loisach über die Ufer treten ließ
und den Bauern die Ernte vernichtete, ins Grundwasser gesickert war, sodass ich nach einem
einzigen Schluck Leitungswasser sofort an Durchfall erkrankte und tagelang nicht in die
Schule gehen konnte und nur auf dem Sofa lag und mich mit Coca-Cola und alten
Schwarzweißfilmen betäubte. Damals erfand ich die Barbara Stanwyck, weil ich bis dahin
noch nie eine Frau gehabt hatte, sondern immer nur Bauchschmerzen.
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Schaum vor dem Mund. Mein Blick starr auf das Fensterbrett gerichtet, wo ein fetter
Schmetterling von der Sonne in ein Häuflein Asche verwandelt wird, und hinter der
schwitzenden Tapete höre ich die Ratten vorbeiglitschen auf ihrem Weg zur Uferpromenade,
wo sie ihren in schäbige Matrosenanzüge gezwängten Kinderchen ein Zitroneneis im Schatten
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der boshaften Lärche gönnen, und ich meine, den Baum vor lauter Unbehagen wiehern zu
hören, da er am Leuchten der Rattenäuglein ablesen kann, dass die heimische
Kricketmannschaft des mondänen Seebades haushoch verloren haben muss.
Alle Gäste unseres Kurhotels mussten letzten Donnerstag mit ansehen, wie die allseits
beliebte Charakterdarstellerin Barbara Stanwyck während des Nachmittagstees an einer Gurke
kläglich erstickt war, und keiner konnte ihr helfen oder sie gar retten, denn die HeimlichMethode war noch nicht erfunden und so tauchte die aus einem von unachtsamen
Herrenschuhen zertretenen Füllfederhalter heraus rinnende Tinte die steinige Küste in das
Preußisch Blau tiefsten Entsetzens, und nur Onkel Jim bekam von all dem nichts mit, weil er
sich am Strand mit einer ganzen Menagerie von aufblasbaren Gummitieren verlustierte, und
das von Todesangst verunstaltete Gesicht der leblosen Barbara Stanwyck spiegelte sich erst
Stunden später in den mit Freudentränen benetzten Pupillen von Onkel Jim, als er von seinem
kleinen Ausflug zurückkehrte und die Lobby betrat und sofort von Lino Ventura angehalten
wurde, der mit unaufgeregt französischem Akzent die Untersuchungen führte und alle
Anwesenden nacheinander im von Gitanes vernebelten Speisezimmer zum Verhör antreten
ließ, und die ganze würdevolle Szene wurde nur von dem Nougatfleck auf dem ansonsten
blütenreinen Oberhemd von Lino Ventura und von der verrutschten Perücke der
dahingeschiedenen Barbara Stanwyck gestört.
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Der große, fraglos große, ja wahrscheinlich riesige abgewrackte Gedankenkutter im brackigen
Wasser eines sich mühsam durch den Kopf schlängelnden Flusses. Die Kopflöcher mit Teer
abgedichtet. Ich sitze auf einem immer heißer werdenden Eisenstuhl: meine Füße und Arme
gefesselt mit knorrigen Ledergürteln, mein Nacken in eine Art Schraubstock oder
Vogelschnabel eingespannt. Die Hand von Onkel Jim schiebt sich mir in den Mund und bricht
einen kariösen Backenzahn heraus, der schon seit Wochen, immer wenn ich Schokolade esse,
schmerzt. Es eitert mir im Geist, und mein Atem wird kurz und immer kürzer (Idee für eine
andere Erzählung: ein gestrauchelter Landarzt, der an seinem eigenen Erbrochenen in einer
Sauna erstickt).
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Ein Lichtkegel, der wie ein Tamburin über den ungewachsten Holzfußboden gleitet und dabei
mit zärtlichen Plattfüßen eine Kakerlake zertritt. Der Lichtkegel bleibt hängen an einem
gewaltigen Glastank, in welchem Barbara Stanwyck und Bobs Frau in Aceton schwimmen.
Ihre Augen sind grau geworden wie Lärchenholzasche. Wie die beiden da in der Flüssigkeit
treiben, sehen sie aus wie zwei eingelegte Gurken, denke ich, salzige Cousinen. Das Styropor
ihrer Haut, das sich wie lackierter Stahl anfühlt. Onkel Jim nimmt den Laborkittel vom
Kleiderhaken und beginnt, die beiden Körper in einer Lehmgrube mitten im Wald zu
verscharren, wo er sie zu vergessen hofft. Als Kind, ohne Schuhe auf dem Weg zur Schule,
bin ich oft an der Lehmgrube vorbeigelaufen, nicht ahnend, was sich darin befinden könnte.
Im Schultornister hörte ich nur den abgeschnitten Kopf der Barbara Stanwyck kullern, der
sich in meiner Hand so groß ausnahm wie ein Apfelkern, geformt wie die Augen der
Nachbarstochter, welche der Wassermann zu sich in die Loisach geholt hat, als sie zu nah am
Fluss gespielt hatte. Im Dachsbau hatte sie gewohnt und sich von Kandiszucker ernährt, wie
die Fliege in der Streichholzschachtel, denke ich, und ein Baldrianrülpser durchschneidet die
Valium geschwängerte Luft, als ich Vater im Altersheim besuche, wo er seit Mutters Tod
haust. Dass er sich Geld von der Bank geliehen hat, erzählt er, weil er auf Mutters Grab eine
riesige Steckrübe aus Stein aufstellen lassen will. Die Bank vergibt Kredite, sagt er, und der
Herr alle meine Sünden.
In meiner Mundhöhle gurgelt der nicht nachgeholte Schlaf der letzten zwanzig Jahre, und die
Innenseiten meiner Backen werden taub wie nach einem Zungenkuss von der toten Barbara
Stanwyck. Bob war gestern hier, sagt Vater und reibt sich vor einem schwarz verhängten
Spiegel das unrasierte Kinn. Weil sie genug davon hatte, Lügen wie Windbeutel zu fressen,
hat sich Bobs Frau an der Lärche aufgehängt, denke ich, die Aporie eines Lebensentwurfs in
einem verdreckten blauen Slip, durchgeweicht vom Regen wie das Gesicht der alternden
Hure, die mich bittet, mir die Hände zu waschen, bevor ich sie damit verprügle. Das klare
Wasser aus dem Schlauch, mit dem Onkel Jim seine Gummistiefel reinigt, nachdem er die
Schweine mit Eicheln und Kastanien gefüttert hat – die Angst bläst ihm die Asche seiner
Salem ins graue Haar, während er nur mit dem Unterhemd bekleidet in der Küche steht und
Schnitzel klopft mit einem Hammer aus massivem Eis.
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Ein Leben führen, denke ich, und nicht nur den Hund an der Leine und hebe den Kopf, und
auf dem Hügel wächst ein Weizenfeld aus der niedergestochenen Tag-und-Nacht-Gleiche,
und nur ein Stück hinter dem Schatten auf meiner Lunge wetzten die ersten Dorfbewohner
ihre Mühlsteine, die sie ihren Frauen um den Hals geknüpft haben, und laufen ins Loisachtal
zur schiefen Mühle, um das Mehl aus dem Korn zu mahlen, in dem die Käfer hausen mit
Zangen anstatt Gesichtern.
Eine vertrocknete Zunge kriecht durchs Unterholz und benetzt die kalten Fußsohlen der
Nachbarstochter mit Staub, der Onkel Jim aus dem Schnauzbart rieselt wie der ungelöschte
Kalk in meinem Kopf, als ich mich zum ersten Mal an die Schreibmaschine setzte und einen
Brief schreibe an die Nachbarstochter. Dass das einzige zu Vermissende in all den
Biographien, die ich mir auf den Leib geschneidert habe, sie sei, schreibe ich, eine Andacht
inmitten all des Lärms und Geschreis, sie, mit der Lämmerstirn und dem Mandelauge, das
nicht sieht, dass mein Körper ein schwitzendes Loch im Wüstensand ist, das mit trügerischem
Plätschern die Verdurstenden in die Tiefe und somit ins Verderben lockt. Alles doppelt und
dreifach sehen und die dreckigen Worte stammeln im Beichtstuhl der Verstopfung, alles
Gelogene und an den Haaren einer Miesmuschel Herbeigezogene, jedes sezierte und filetierte
Wort im Ameisenhaufen auf der Lichtung des Totholzwaldes, der sich mit penetrantem
Fichtenduft bis in mein Rasierwasser dieses Abends schleppt, an dem ich mich für elf Uhr mit
der Barbara Stanwyck verabredet habe, gleich hinter dem vermoosten und fauligen Holzstoß,
den Onkel Jim hinter seiner Hütte aufgeschichtet hat. Zwischen meinen Zehen wachsen die
Blüten der Prilblumen, und ich mache der Nachbarstochter einen Strauß daraus, während ich
mir die Minuten bis zum geheimen Stelldichein mit ihr zu verkürzen suche. Mutter leckt mir
eine Wimper aus dem Auge, und die Feuchtigkeit des Herbstes nistet sich in meinen
Kieferhöhlen ein, und ich habe die Furcht, dass mich der bakteriöse und stinkende Schleim
am Küssen hindern wird, aber ich muss los und wickle mich mit Inbrunst in meine
Lodenkotze und schleiche auf den leisen Sohlen weißer Tennisschuhe aus dem Haus, damit
ich Vater bloß nicht wecke, der sich, falls er mich bemerkt, auf die Unterlippe beißen wird,
bis sie blutet, um mir dann den Rücken krumm zu schlagen mit dem Haselstock.
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Die kalte Luft schmeckt nach dem Bauchnabel von Bobs Frau, denke ich, macht mich aber in
keinster Weise nüchtern, also stapfe ich mit schweren Bergstiefeln weiter durch den
schmelzenden Asphalt meiner Jugend, durch den übel riechenden Sumpf aus Sperma und
algebraischen Formeln, die es mit weißer Kreide an die Tafel zu schreiben gilt, und mit
hochrotem Kopf bemerke ich, dass ich die Hesssche Normalform mit dem mir von Onkel Jim
herausgebrochenen Backenzahn falsch vor der Klasse notiert habe.
Das Wespenherz summt vor Verlangen in der Chitinpanzerbrust, unter den leidenden Augen
des an den Baum genagelten Schmerzensmannes nähere ich mich der Barbara Stanwyck und
wärme mir die unterkühlten Hände am Heizkörper, bis sie in Gestalt und Konsistenz den in
geleimten Papiertüten verkauften Esskastanien gleichen, die ich der Nachbarstochter gekauft
habe, während unseres ersten Spaziergangs durch die Innenstadt. Ich schlage die Zeit tot mit
dem Riechen an meinen Fingern, und Onkel Jim schlägt die Barbara Stanwyck tot mit Pinsel
und Ölfarben, und das dabei entstandene Gemälde zeigt mich, wie ich mit damals noch
langem Haar wie der ungläubige Thomas meinen Zeigefinger in die Kopfwunde der
Nachbarstochter bohre und sich das Licht des Blutmondes in den Augen von Vater, Mutter
und Bob hinter den beschlagenen Fensterscheiben spiegelt, und mit warzigen Flossen
schwimmen monströse Schildkröten durch den glasigen Winterhimmel, und Lino Ventura
notiert mit einem abgekauten Bleistiftstummel jenen Satz in sein schwarzes Notizbuch, der
auch in diesem speziellen Fall, bei dem es sich um den Tod der Barbara Stanwyck handelt,
seine Gültigkeit nicht verliert, jenen Satz, der mir seitdem als Mantra in schlaflosen Nächten
dient: der Mörder ist immer der Gärtner.
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