REPORTAGE Pferdezentrum Warendorf

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REPORTAGE Pferdezentrum Warendorf
Die Deutsche Reitschule
schliesst ans 1826 gegründete
Nordrhein-Westfälische
Landgestüt an.
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Pferdezentrum Warendorf REPORTAGE
50 Jahre
Deutsche Reitschule
Reitlehrer ist kein geschützter Titel. Jeder darf sich unabhängig von
seiner fachlichen Qualifikation so bezeichnen. In Deutschland
genauso wie in der Schweiz. Anders in der Grundausbildung: Wer
nach dreijähriger, staatlich anerkannter Ausbildung seine Prüfung
bestanden hat, ­darf sich in Deutschland Pferdewirt nennen, in der
Schweiz ist man Pferdefachfrau respektive -mann.
text Caroline Huppertz fotos Ludwig Sauels
W
arendorf ist das Herz von
Deutschlands Pferdesport.
Ihren Sitz haben dort die
Deutsche Reiterliche Vereinigung
(FN), das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) und das 1826
gegründete Nordrhein-Westfälische
Landgestüt. Was kaum jemand weiss:
Zum Landgestüt gehört die Deutsche
Reitschule – Deutschlands Eliteschule
für Pferdewirte.
Mit Blick in Reithalle
Heute ist Zwischenprüfungstag. 16 auf­
geregte Auszubildende irren über das
weitläufige Gelände des Landgestüts
und fragen verschämt nach der Deutschen Reitschule. Die liegt versteckt
direkt neben dem acht Hektar grossen
Areal des denkmalgeschützten Landgestüts. Von vorne wirkt die Deutsche
Reitschule klein und unscheinbar mit
dem typischen Charme eines Gebäudes der Sechzigerjahre. Dass sich dahinter eine grosse Reithalle erstreckt,
ahnt man nicht. Mittlerweile sind alle
Prüflinge im Seminarraum eingetrof-
Nicht das Sportreiten steht
an der Deutschen Reitschule
im Mittelpunkt, sondern
fundiertes Pferdewissen.
fen, wo sie der Ausbildungsleiter der
Deutschen Reitschule, Hannes Müller,
begrüsst. Mit einem kleinen Scherz
versucht er, ihnen die Nervosität zu
nehmen. «Ich glaube, wir haben das
einzige Klassenzimmer weit und breit
mit Blick in eine Reithalle», schmunzelt Müller, öffnet die schweren Vorhänge und gibt den Blick frei in die
leere Reithalle. Es ist Mittagspause
und deshalb reitet keiner. Inzwischen
ist auch Müllers Stellvertreterin Gisa
Lehmann eingetroffen. Die 38-jährige
Pferdewirtschaftsmeisterin nimmt die
Berichtshefte der Lehrlinge in Empfang. Die müssen die Auszubildenden
genauso sorgfältig wie in jedem anderen Lehrberuf führen. Sie werden von
einer vierköpfigen Kommission von
Pferdefachleuten geprüft, während
den angehenden Pferdewirten in einem Test ihr Wissen rund ums Pferd
abgefragt wird. «Wir überprüfen ihren
Ausbildungsstand in Theorie und Praxis und geben ihnen die Gelegenheit,
den Prüfungsort schon einmal kennenzulernen», erklärt Müller, der als
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Ausbildungsleiter seit 16 Jahren an
der Spitze der Deutschen Reitschule
steht. Ausgebildet und geprüft wird
hier nur die Fachrichtung Klassische
Reitausbildung. Auf diese Klassische
Reitausbildung, die auf die Heeres­
dienstverordnung (HDV) 12 aus dem
Jahr 1937 zurückgeht, ist man stolz.
Kaum ein anderes Land blickt auf
solch eine alte, aber immer noch praktizierte Reitlehre zurück. Wie erfolgreich diese Reitlehre ist, beweisen
die vielen Medaillen, die deutsche Reiter im Laufe der Jahre bei Welt- und
Europameisterschaften oder Olympischen Spielen gesammelt haben.
Ganzes Jahr Lehrgangsbetrieb
Mit einem «normalen» Reitbetrieb hat
die Deutsche Reitschule wenig gemeinsam. Es ist vielmehr ein Ort der
Stille und des konzentrierten Lernens.
Publikumsverkehr gibt es hier so gut
wie gar nicht. Dafür herrscht das ganze Jahr Lehrgangsbetrieb. Von November bis Februar laufen Vorbereitungskurse für Pferdewirtschaftsmeisterprüfungen, Fortbildungsmassnahmen
oder Richterprüfungen. Von Mitte Februar bis Ende Oktober kommen alle
zwei Wochen je 16 Auszubildende aus
einem der 560 anerkannten deutschen
Ausbildungsbetriebe an die Deutsche
Reitschule, um sich dort im Intensiv-
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lehrgang bei Müller und seinem Team
den letzten Schliff für die Lehrabschlussprüfung zu holen. Die dauert
zwei Tage: einen halben Tag Theorie
und eineinhalb Tage Praxis.
Geritten wird auf den 50 Schulpferden, die dem Land Nordrhein-West­
falen gehören. Es sind durchwegs gut
gerittene, in Springen oder Dressur
mindestens bis zur Klasse L ausgebildete Hengste und Wallache, viele auf
dem Weg zur Klasse M. Die Auszubildenden müssen eine L-Dressur und
ein L-Springen unter Prüfungsbedingungen reiten. Dann müssen sie der
Prüfungskommission zeigen, dass sie
unterrichten können. Das wurde erst
2010 neu in die Prüfung aufgenom-
Füttern will gelernt sein: Stall­meister
Uwe Struss (oben links) überwacht
persönlich. 50 Schulpferde stehen
der Deutschen Reitschule zur
Verfügung (oben). Der ganzjährige
Ausbildungsbetrieb verlangt von
Hannes Müller und seiner
Stellvertreterin Cora Lehmann (oben
rechts) eine gute Organisation.
Der Seminarraum ist Deutschlands
einziges Klassenzimmer mit Blick
in eine Reithalle (rechts). Ein
Relikt aus alter Zeit: die Stalltafel
(unten rechts)
50 Jahre Deutsche Reitschule
1955 gründet Landstallmeister Konrad Bresges die Höhere Reit- und Fahrschule am
Landgestüt Warendorf. Bereits ein Jahr später geht diese in den Verein Deutsche
Reitschule über. Der neugegründete Verein dient der Aus- und Fortbildung von fortgeschrittenen Reitern, Reitlehrern und Turnierrichtern und der internationalen und
olympischen Ausbildung von Turnierreitern. Im Oktober 1959 beginnt der erste
Schülerlehrgang mit zwölf Teilnehmern. Im Januar 1960 startet der erste Reitlehrerlehrgang mit neun Teilnehmern. Drei Monate später findet die erste zentrale Bereiter-prüfung für 14 Lehrlinge statt. Zum 1. Juli 1968 wird die Deutsche Reitschule an
das Nordrhein-Westfälische Landgestüt angegliedert. Der Landstallmeister wird Chef
des Ausbildungsleiters der Deutschen Reitschule. Die Deutsche Reitschule ist ein
mit fünf Sternen der FN anerkannter Ausbildungsbetrieb. Sie bietet Fortbildungsund Prüfungslehrgänge für Berufsreiter und Turnierfachleute an, ebenso ist sie eine
Fachschule Fahren.
Pferdezentrum Warendorf REPORTAGE
Ausbildungsmöglichkeiten
men und fliesst mit 25 Prozent in die
Gesamtnote ein. «Uns wird immer vorgeworfen, dass wir nur Sportreiter
ausbilden», ärgert sich Müller. «Das
stimmt nicht. Die meisten Pferdewirte
unterrichten in Schulställen oder auf
Reitanlagen ganz normale Reiter und
Pferde.» Wichtig ist ausserdem die
Theorie. Die beinhaltet Fütterung,
Haltung, Gesundheit und Beschlag
ebenso wie Kenntnisse über das Exterieur sowie die Reit- und Bewegungslehre. 250 bis 300 Auszubildende begleiten Müller und sein Team jedes
Jahr durch die Prüfung. Eine Arbeit,
die Müller viel Freude bereitet: «Ich
sehe mich als Anwalt der jungen Menschen und versuche ihnen, den letzten Schliff für die Prüfung zu geben.
Wo sonst hat man es mit so hoch motivierten Prüflingen zu tun?»
Die 16 Zwischenprüflinge haben
­ihren Test erfolgreich absolviert, in
­etwa einem Jahr werden sie wieder
nach Warendorf reisen – zur Abschlussprüfung. Als Pferdefachleute
«Made in Germany» werden sie über
ein grosses hippologisches Wissen verfügen und das, so hofft Müller, wird
sich auch in Freizeitreiterkreisen als
Markenzeichen durchsetzen: «Unsere
Pferdewirte garantieren eine fachliche Qualifikation und bieten den Kunden somit eine Orientierung.»
Der Pferdwirt ist in Deutschland seit
1975 ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Er wird im dualen System
angeboten. Die Ausbildung dauert drei
Jahre und erfolgt im Betrieb und an der
Berufsschule. Seit dem 1. August 2010
gilt die neue Verordnung zum Beruf
Pferdewirt mit fünf Fachrichtungen:
– Klassische Reitausbildung
– Pferdehaltung und Service
– Pferdezucht
– Pferderennen (Galopp und Trab)
– S pezialreitweisen (Western- oder
Gangpferdereiten)
Für die Ausbildung zum Pferdewirt
– Klassische Reitausbildung sind
reiterliches Talent und Erfahrung im
Sattel Voraussetzung.
Pferdewirtschaftsmeister
Ein Pferdewirtschaftsmeister ist ein
Profi, der selber Lehrlinge ausbilden
darf. Nach mindestens zwei Jahren als
«Geselle» kann sich der Pferdewirt zur
Meisterprüfung anmelden. Diese wird
in der Klasse M in Dressur, Springen
und der Unterrichtserteilung abgenommen. Dazu kommen Prüfungsinhalte wie Betriebswirtschaftslehre
oder die Arbeit an der Hand.
Diplom-Trainer – Reiten
Die höchste Ausbildungsstufe ist der
Diplom-Trainer – Reiten. Dieses Diplom
kann erst nach bestandener Meisterprüfung und einer Empfehlung durch
die FN erworben werden. Es ist ein
Kombinationsstudium in Kooperation
mit der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes
(DOSB) in Köln. Die Ausbildung dauert
drei Jahre in Teilzeit- oder eineinhalb
Jahre im Vollzeitstudium.
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